Die späten 90er Jahre waren die große Zeit von MTV, Viva und VH-1. Diese Zeit hat mich musikalisch geprägt. Damals stand ich ziemlich am Anfang meines Weges der Selbstfindung. Darum sind mir wohl zum ersten Mal einige Musikvideos aufgefallen, in denen geschlechtliche Vielfalt zu sehen ist (wie ich es mit meinen heutigen Worten sagen möchte). Zum Teil zwar in abenteuerlichen Kontexten, aber ich nahm das bisschen auf, was es gab … Später erschienen dann aber auch ein paar richtig schöne Clips.

Hier möchte ich euch eine subjektive Auswahl von Musikvideos mit trans* Inhalten vorstellen.

Bear’s Den – The Star of Bethnal Green (2019)

Das Video spielt in der Weihnachtszeit und erzählt die Geschichte einer älteren Transfrau (oder eines Crossdressers, das wird nicht aufgelöst). Dank der Hilfe einer jungen Transfrau traut sie sich, sich so zu kleiden und zu schminken, wie sie sich fühlt – und schließlich nach draußen. Das Happy End wird dadurch getrübt, dass die jüngere Frau offenbar Opfer transphober Gewalt wird. Ein sehr starkes Video! Der Regisseur Jake Graf, selbst Transmann, möchte mit dem Video übrigens ausdrücklich mehr Sichtbarkeit für Transgender schaffen.

Christina Aguilera – Beautiful (2004)

Im Jahr 2004 erschien ein Musikvideo zu Christina Aguileras Lied „Beautiful“, das Menschen zeigt, die sich selbst nicht als schön empfinden und die Ablehnung erfahren. Einige der Figuren sind: Ein Mädchen mit Zahnspange, das verprügelt wurde. Ein schmächtiger Junge, der muskulöser sein möchte. Ein junges schwules Paar, das begafft wird. Ein Punk im Bus, dem die anderen ausweichen. Eine magersüchtige Frau, die an ihrem Spiegelbild verzweifelt. Und eben ein Crossdresser, der sich im Laufe des Videos aufstylt. Und ihnen allen ruft Christina Aguilera zu: Du bist schön! Egal was die anderen sagen!

Zum Schluss können alle lächeln. Dieses Video ist unglaublich rührend und kraftvoll! Und für mich war es das erste Mal, dass Transgender in einem Musikideo in einem authentischen und positiven Kontext zu sehen war!

Aphex Twin – Windowlicker (1999)

In den späten 90ern stolperte ich zufällig zufällig über das Video „Come to Daddy“ von Aphex Twin, und es war eines der verstörendsten Videos, was ich bis dahin gesehen hatte. Falls du es noch nicht kennst und etwas Nervenstärke mitbringst: Angucken! Aber jetzt möchte ich vor allem das Video zu „Windowlicker“ erwähnen, das zwei Jahre später erschien. In dem Video passiert Sonderbares: Eine absurd lange Stretchlimousine (38 Fenster!) und tanzende leichtbekleidete Frauen (u.a.). Deren Gesichter verwandeln sich aber plötzlich in fratzenhaft grinsende und bärtige Männergesichter.

Was das mit Trans* zu tun hat? Der Kontrast aus weiblichem Körper und männlichem Gesicht entspricht zumindest einem Klischee von trans* – einem nicht gerade schmeichelhaften. Insofern denke ich, dass Trans* hier eher als üble Metapher dient. Abgesehen davon lohnen sich die beiden Clips, wenn du elektronische Musik magst 😉

Guano Apes – Open Your Eyes (1997)

Das Video zu „Open Your Eyes“ war damals eines meiner absoluten Lieblingsvideos. Mit Trans* hat es jedoch nicht viel zu tun, wenn man mal von dem Nachtportier absieht, der mit lüsternem Blick knallroten Lippenstift aufträgt. Für mich in einer sehr frühen Phase der Selbstfindung war das schon mehr, als ich sonst zu sehen bekam! Außerdem gefiel mir folgende kraftvolle Passage im Refrain:

Trapped in yourself, break out instead
Beat the machine that works in your head

Aerosmith – Pink (1997)

Das Video zu „Pink“ lief ziemlich oft in der Zeit, als ich viel Musik-TV schaute. Darin treten jede Menge Menschen auf, die irgendwie „anders“ sind (und die CGI durfte sich auch schon austoben). Ein paar von ihnen lassen sich locker dem trans* Spektrum zuordnen.

Alles so schön bunt hier!

Queen – I Want To Break Free (1984)

Freddy Mercury en femme! 1984 war das natürlich außergewöhnlich, dass da ein Mann in Frauenkleider staubsaugt. Und auch die anderen Mitglieder der Band treten im Video in weiblicher Kleidung auf.

Culture Club – Do You Really Want To Heart Me (1982)

Boy George, Leadsanger der Band „Culture Club“, fiel in den 80ern durch seine androgyne Erscheinung auf. Und auch in den 90ern habe ich noch oft genug Videos von ihm gesehen, so dass er für mich präsent war. Trans* war damals ein ziemlich tabuisiertes Thema. In dieser Zeit konnte jemand wie Boy George, der zumindest ein Stück weit die Grenzen der geschlechtlichen Rolle verließ, so zumindest ein kleines Fenster öffnen. Für eine differenzierte Auseinandersetzung mit geschlechtlicher Vielfalt fehlten mir damals auch völlig die Quellen.

Beispielhaft hier das Video zu „Do You Really Want To Hurt Me“, aber auch andere Clips von Culture Clubs bzw. Boy George aus dieser Zeit sind interessant.