Ulrich/Karsten: Messer im Traum, 1994

Zusammenfassung

Ulrich/Karsten: Messer im Traum, 1994
Buchcover

Das Buch „Messer im Traum“ stellt transsexuelle Lebensgeschichten mit Texten und Fotos vor, es ist 1994 im Konkursbuch-Verlag erschienen.

Die Autorin Holde-Barbara Ulrich und der Fotograf Thomas Karsten porträtieren auf knapp 170 Seiten 13 transsexuelle Menschen, 10 Transfrauen und 3 Transmänner, im Alter von 24 bis 64 Jahren.

Im Vorwort schreibt das Duo: 

Wir haben dreizehn der erregenden Lebensgeschichten in Wort und Bild für den Band ausgewählt, weil wir glauben, daß sie in ihren fast unerträglichen Verletzungen, ihrer irrwitzigen Hoffnungskraft, ihren glückhaften Wandlungen, ihren sexuellen Exaltation – ihrer einfachen Sehnsucht nach Liebe und Leben exemplarisch sind für viele andere. … 

Unser Wunsch ist es, daß die Porträts dieser Menschen Betroffenen helfen mögen, aus ihrer eigenen Diaspora herauszufinden. Ebenso sehr hoffen wir, die anscheinend ganz „Normalen“ dazu bewegen zu können, transsexuellen Menschen und allen, die anders sind mit Verständnis und Ermutigung leben zu helfen.

Rezension

Das Buch war eines der ersten, was ich zum Thema Transsexualität je gelesen habe. In den 90er Jahren gab es noch nicht annähernd so viel Literatur dazu, umso bemerkenswerter war dieser Band. Die Lebensläufe der Menschen beeindruckten – in ihrer Radikalität, Stärke, Konsequenz. Die 13 Portraits waren einfühlsam, die Fotos voller Empathie, aber einige Schicksale nur schwer zu verdauen. Dazu war das Buch sehr hochwertig und liebevoll gestaltet, wunderbar für Freunde schöner Bücher.

Seit dem Erscheinen – ich schreibe diesen Text Ende 2019 – sind 25 Jahre vergangen. Lohnt es sich, diesen alten Band nochmal herauszukramen, diese alten Geschichten noch einmal zu lesen? Es sind zwischenzeitlich doch so viele neue Titel erschienen, und die Welt ist – bei allen Schwierigkeiten – ein freundlicherer Ort für trans* Menschen geworden. 

Trotzdem kann ich das Buch nach wie vor empfehlen, es ist für mich zu einem Klassiker in der Transgender-Literatur geworden! Noch immer berühren die Lebensläufe der Protagonist*innen, noch immer strahlen die Foto Würde und zugleich Verletzlichkeit aus.

Heute eignet sich das Buch als Zeitfenster in die 90er Jahre. Wir erfahren, wie es „unsereins“ damals ergangen ist, welche Möglichkeiten es längst gab, aber auch wie viele große Probleme und Schwierigkeiten. Das Buch gibt die damalige Zeit und das Denken und Selbstverständnis von Trans* gut wieder. Wohltuend hebt sich das Werk ab vom voyeuristischen, reißerischen und oberflächlichen Bild, das damals in den Medien so oft von trans* Menschen gezeichnet wurde (und auch heute noch öfter gezeichnet wird, als uns lieb ist).

Die Lebensgeschichten rufen in mir aber auch eine ganz andere Erinnerung wach: Sie geben fast durchweg keine wirkliche Perspektive, sie sind stattdessen so ziemlich das Gegenteil von Ermutigung. Als ich die Texte damals gelesen habe (ich war knapp 20 Jahre alt) fand ich die Vorstellung, einmal ein ähnliches Leben zu führen, alles andere als erstrebenswert. So jemand wollte ich ungern sein. Bei aller Stärke und durchaus auch persönlichem Glück in den Geschichten: So viel Kampf, so viel Verlust, so viel Einsamkeit, so viel Ablehnung und auch Resignation, das wollte ich nicht. In der Phase der Selbstfindung war so ein Buch, wunderbar wie es eigentlich ist, durchaus verschreckend. 

Um das zu zeigen, habe ich aus jedem Porträt einen kleinen Absatz herausgesucht und zitiert, der diese Schwere für mich illustriert (s.u.). Vielleicht empfindest du ganz ähnlich. Umso schöner, dass es längst viel ermutigendere Schicksale und Bücher gibt! Nichtsdestotrotz: Wenn du „Messer im Traum“ in die Hände bekommst (antiquarisch ist es noch zu haben), dann lies es unbedingt! 

Zitate aus dem Buch

Bonny-Anita, 40 Jahre alt

„Haben wir uns unser Schicksal etwa ausgesucht? Macht es uns vielleicht Spaß, als Mißgeburten durchs Leben zu laufen? Lassen wir unsere Leiber massakrieren, nur weil wir pervers sind? … Nein! Warum also sollten wir uns verstecken? Warum sollten wir so tun, als gäbe es uns nicht? Warum um Himmels willen sollten wir uns selbst belügen?“

Susan, 32 Jahre alt

Vor kurzem ist Susan vom „Club“ in ein Sex-Kino übergewechselt. Die Domina hat sie an den Nagel gehängt. Es gibt inzwischen zuviele davon. Auch zuviele Transsexuelle in diesem Job. Sie ist nichts Besonderes mehr. Jetzt arbeitet sie als ganz normale transsexuelle Hure.

Michelle, 24 Jahre alt

Damals rannten sie ihr die Bude ein. „Miß Bayreuth“ hinten, „Miß Bayreuth“ vorn. Die Elogen wollten kein Ende nehmen. Bis irgendjemand mit dem Instinkt einer Hyäne es herausgeschnüffelt hatte. Nicht mit Respekt und doppelter Achtung wurde da über ihren Sieg berichtet. Kübelweise Schmutz goß man über ihr aus. Als wäre sie auf einmal jemand anders, als hätte sie etwas verbrochen.

Sydney, 35 Jahre alt

„Selbst wenn du endlich so heißt, wie du aussiehst und wie du dich fühlst und die Welt dich so toleriert, wirst du für dich selbst immer ein Stückchen von dem bleiben, was du mal warst. Es ist ein Ding, das du nicht erklären kannst, nur fühlen kannst du es, weil du es in dir hast. Es ist wie mit einer Tätowierung, die du nur durch neue Narben beseitigen kannst. Irgendwie ist man auf verlorenem Posten … Ich hab bald keine Power mehr für mein Problem.“

Nadja, 25 Jahre alt

„Es wird schwer werden in dieser Scheißzeit und in diesem verkorksten Land. Der Götze Mammon und die Dirne Freiheit – ein tolles Paar. Na klar, jeder Nazi ist heute so frei, einen totzuschlagen, wenn ihm die Anzugsordnung oder die Hautfarbe nicht paßt. Wir Transen sind doch für die nicht mehr als Toilettenfliegen … Nee, nee, es bringt nichts, bieder mit den Wölfen zu singen. Ich tanze lieber mit den Schafen.“

Jacqueline-Josephine, 39 Jahre alt

Sie ist bis an die Zähne bewaffnet. Mit ihrer Wut, ihrem Zorn, ihrem Haß, gewachsen aus den Erfahrungen ihres sechsunddreißigjährigen Lebens. Sie tritt an gegen Institutionen aller Art, führt Prozesse, setzt sich mit Chirurgen auseinander, die „nichts weiter als Metzger“ sind, ficht gegen Psychologen, deren dümmliches Desinteresse vielen den letzten Mut zum Leben nimmt.

Fritz, 44 Jahre alt

Fritz ist zum siebzigsten Mal operiert. … Ich erkenne ihn sofort. Der volle Bart, das dunkle, gescheitelte Haar,die Brille mit den dicken Gläsern. Schmaler ist er geworden; er ist schon die zehnte Woche hier. Vor knapp einem halben Jahr habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Da wußte er schon, daß er wieder einrücken muß.

Lilith, 43 Jahre alt

Thomas war fast vierzig, als er an diesem Punkt angelangt war. Er beschloß, den Weg konsequent weiter zu gehen. Er offenbarte sich seinen Kollegen auf der Station und erschien zur Arbeit in Frauenkleidung. Das Verständnis des psychologisch und medizinisch geschulten Personals war unterschiedlich und hielt sich in Grenzen. Es reichte nicht aus, die Kollegin, die ihnen vorher als Mann begegnet war, in ihrer veränderten Identität anzunehmen. Die Beziehung zu Claude diente ihnen als Vorwand, ihn zu beurlauben. Es war nur ein erster Schritt, um ihn gänzlich auszusondern. Später kam er auf eine Außenstelle, hatte Hilfsarbeiten zu errichten, die seiner Qualifikation nicht gerecht wurden.

Tamara, 29 Jahre alt

Mit leiser, gleichbleibend sanfter Stimme erzählt sie ihr Leben. Ihre Augen bleibe die ganze Zeit über still und freundlich. Auch als sie sagt: „Eines Tages werfe ich mich vor den Zug oder gehe ins Wasser.“

Maxi, 64 Jahre alt

Sie setzt diesen Satz, beiläufig fast, hinter ihr Leben: „Ich muß ein bißchen auf die Beine kommen.“ Maxi ist querschnittsgelähmt. Nicht, daß sie es ausspricht, es ist so erstaunlich. Vielmehr, daß sie es sagt, obwohl sich durch ihren Lebensbericht eine stete, fast immerwährende Todessehnsucht zieht. Mindestens bis zu dem Punkt, an dem sie beschließt, ein Mann zu werden. Der größte Teil aller Schmerzen kommt aus dieser verfehlten Männlichkeit.

Jennifer, 36 Jahre alt

Lange zögert sie, bevor sie bereit ist, mit mir über ihr Leben zu sprechen. Sie ist sehr stolz, sehr verletzbar, und um nichts in der Welt möchte sie in einen schlechten Zusammenhang geraten. Zu häufig wird das Thema Transsexualität benutzt, um den Voyeurismus der Zuschauer oder Leser zu bedienen. Dazu möchte sich Jennifer nicht hergeben.

Amanda, 30 Jahre alt

Amanda ließ sich nicht kleinprügeln. Sie blieb in Frauenkleidern. Und sie blieb in ihrer Wohnung. Solle kommen, was wollte. Bis zu dem Tag, als sie ihre Behausung völlig verwüstet vorfand. Nichts war mehr heil, nichts. Und an den Wänden die schlimmsten, brutalsten Drohungen. Die Polizei zeigte sich ratlos. Amanda zog zu einer Freundin. Sie wollte weg aus dieser Stadt. Berlin war ihr Ziel, die Anonymität der Großstadt.

David, 40 Jahre alt

Als sie soweit war, hatte Marias Ausharren sich erschöpft. Sie ging fort von Regina. Einmal kam sie wieder zurück, aber es war nur ein halber Versuch, viel mehr der Wunsch nach einer Bestätigung für das Ende. Für Regina war es ein Absturz in die dreifache Einsamkeit. „Ich habe nächtelang geschrien vor Schmerz, länger als ein viertel Jahr.“

PS:

Im Rückblick fällt mir übrigens noch etwas auf: Sowohl die Verfasser als auch nicht wenige der vorgestellten Menschen sind Ostdeutsche und wurden in der DDR geboren. 1994 war die „Wende“ gerade fünf Jahre her, und gleich in mehreren Geschichten findet sich die gleiche Beobachtung: Die Neonazis werden benannt, der rechtsextreme Hass der Nachwendezeit im Osten. Das, was jetzt erst, ein Vierteljahrhundert später, breiter thematisiert wird, hier steht es schon.

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