Amy Polonsky: Und mittendrin ich, 2019

Zusammenfassung

Amy Polonsky: Und mittendrin ich, 2019
Buchcover

Der Roman „Und mittendrin ich“ ist das erste Jugendbuch der Amerikanerin Ami Polonsky. Bereits 2014 erschien das Buch in den USA, 2019 folgt jetzt die deutsche Übersetzung im cbj Kinder- und Jugendbuchverlag. Thema des Buchs sind der innere Konflikt eines trans* Jugendlichen und die Reaktionen des Umfelds auf die allmähliche Sichtbarwerdung dessen.

Der 12-jährige Grayson lebt seit dem frühen Unfalltod der Eltern bei seiner Tante, seinem Onkel und seinem Cousin Jack. Vor ihnen und vor dem Rest der Welt verbirgt er seit Jahren ein riesiges Geheimnis. Insgeheim stellt sich Grayson vor, seine Hosen seien schwingende Röcke, er würde Spangen im Haar tragen, und die Figuren, die er in der Schule zeichnet, seien Prinzessinnen. Das kann er aber niemandem anvertrauen, er ist Außenseiter. Als er zum ersten Mal seit langem in der Schule eine Freundin gewinnt und nicht mehr ganz so einsam ist, nimmt er seinen ganzen Mut zusammen und wagt sich aus dem Schatten. 

Als im Schultheater „Die Sage der Persephone“ aufgeführt werden soll, meldet er sich für die weibliche Hauptrolle. Die folgende Handlung entwickelt sich zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite erlebt Grayson Angst und Ablehnung, die sich versteckt und offen äußert. Auf der anderen Seite erfährt er aber auch Zuspruch von Mitschülern und Erwachsenen, die ihn ermutigen. Und immer mehr entwickelt sich der Drang, endlich sein großes Geheimnis zu offenbaren. Im Nachlass der Großmutter finden sich dann noch Briefe seiner Eltern, die ihn bestärken, sich nach außen zu wagen. 

Der Tag der Aufführung rückt immer näher … 

Rezension

Ich mag es, wenn große Verlage trans* Bücher herausbringen. Das Buch ist professionell und schön gestaltet, gut gesetzt, die Sprache liest sich flüssig – alles nicht eben selbstverständlich.

In den letzten Jahren sind zunehmend Bücher zu trans* Kindern und Jugendlichen erschienen, da reiht sich “Und mittendrin ich” ein.

Das Buch versteht es sehr gut, die Innenwelt eines trans* Jugendlichen darzustellen. Wenn man Angst hat, sich zu offenbaren, zieht man sich zurück und wird zum Außenseiter. Man passt nicht zu der Gruppe der Jungen, und bei den Mädchen gehört man auch nicht dazu. 

Benommen stehe ich auf. Ich bin Cinderella. Ich folge meinem bösen Stiefbruder ins Esszimmer und trage dabei ein goldenes Kleid, das nur ich allein sehen kann.

Allmählich zeichnen sich einzelne exemplarische Charaktere heraus, die Grayson bestärken oder zurückweisen und die wir vermutlich alle so oder so ähnlich schon mal erlebt haben. Da ist die Freundin, die sein Tor aus der Einsamkeit wird und mit der er oft in den Second Hand-Laden fährt. Die dann aber bei der ersten kleinen Offenbarung verstört reagiert. Dann ist da die Tante, die unter dem Deckmantel der Fürsorge große Probleme mit dem Anderssein hat (und leider nicht völlig unrecht hat, dass Grayson Anfeindungen ausgesetzt sein wird). Ganz im Gegensatz der Onkel, der absolut auf seiner Seite steht. Da ist der schwule Lehrer, der die Theateraufführung auf die Beine stellt, aber später selbst Angriffen ausgesetzt ist.

Schwierig sind einige Mitschüler, die ihn erst nur aufziehen, später aber auch vor körperlichen Übergriffen nicht zurückschrecken. Im Gegensatz dazu einige Mädchen, die ihn bestärken, unterstützen und sogar verteidigen. Die Reaktionen des Umfelds sind also keineswegs alle ablehnend, wie einem die inneren Ängste weismachen wollen.

Der Autorin gelingt es gut, die unterschiedlichen Figuren darzustellen, und auch das Innenleben von Grayson ist mit Feingefühl gezeichnet. Immer wieder finde ich Momente, an die ich mich ganz ähnlich aus meiner Jugend auch erinnern kann (in der ich mich aber nicht getraut habe, mich jemandem anzuvertrauen). Toll finde ich, dass es einige Episoden gibt, die Mut machen. Ein starkes Signal ist auch, dass die Jungs, die ihn angegriffen haben, schließlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Mit dem Theaterstück um die Persephone schafft die Autorin eine zweite Ebene, auf der eine ganz ähnliche Geschichte erzählt wird, außerdem folgt der Aufbau des Buchs einem klassischen Spannungsbogen wie in einem Theaterstück.

“ … In unserem Stück ist Persephone ein Mädchen, das etwa in deinem Alter ist. Sie lebt mit ihrer Mutter auf dem Olymp, wird dann jedoch von Hades, dem Gott der Unterwelt entführt. Es geht darum, wie die Jahreszeiten entstanden sind, aber die Geschichte erzählt auch davon, wie sie kämpft, nach Hause zu kommen.“

Geht es Grayson nicht auch so? Die Mutter wurde ihm entrissen, und er möchte nach Hause kommen, ein Mädchen sein.

Ganz zum Schluss folgt noch einmal eine wunderbare Ermutigung: Der Lehrer, der ihn bestärkt hat, die Rolle zu spielen und selbst in Schwierigkeiten gerät, schreibt in einem Brief:

Sicher denkst du jetzt, dass einige Menschen gegen dich sind. Aber vergiss eines nie: Die meisten Menschen sind gut. Achte auf alle, die dir die Hand reichen wollen, und wenn sie es tun, dann ergreife sie.

Schon allein dadurch kann ich dieses Buch sehr empfehlen. Jugendliche, die selbst mit sich ringen, werden sich an vielen Stellen des Buchs wiederfinden, und sie werden ermutigt, sich nicht weiter zu verstecken. Es ist ein so angenehm anderes Narrativ als die trans* Lebensgeschichten aus früheren Tagen, die auch mich geprägt haben. Geht hinaus und lebt euer Leben, schiebt es nicht endlos hinaus! 

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