Harald Neckelmann (Hrsg.): Die Geschichte von Lili Elbe, 2019.

Kurzfassung

Die 1932 erstmals erschienene Biographie – eines der frühesten trans* Bücher – liegt endlich in einer Neuausgabe vor. Phantastisch! Ich kann das Buch unbedingt empfehlen.

Zusammenfassung

Harald Neckelmann (Hrsg.): Die Geschichte von Lili Elbe, 2019.
Harald Neckelmann (Hrsg.): Die Geschichte von Lili Elbe, 2019.

Das Buch „Die Geschichte von Lili Elbe“ ist eine Neuausgabe der (Auto)biographie von Lili Elbe, die 1932 zum ersten Mal erschien, Herausgeber ist Harald Neckelmann. Das Buch ist 2019 im beb.ra Verlag Berlin erschienen. Auf 367 Seiten enthält es den originalen Text von 1932, zusätzlich ein Vorwort, ein Nachwort und ein Personenregister.

Lili Elbe wurde in Dänemark als Einar Wegener geboren und wuchs als Junge auf. Im Alter von 22 Jahren heiratete er Gerda Wegener. Die beiden Künstler waren damals als Maler sehr bekannt, reisten durch Europa und ließen sich in Paris nieder. „Lili“ trat auf auf die Bühne, als Gerda ein weibliches Modell brauchte und Lili Gefallen an der Rolle fand – so schildert es jedenfalls das Buch.

1930 reiste Lili Elbe nach Deutschland, um sich mehreren geschlechtsangleichenden Operationen zu unterziehen. Die erste fand dabei unter Aufsicht von Magnus Hirschfeld in Berlin statt, die nachfolgenden in Dresden führte Kurt Warnekros durch. 

Im Zeitraum von 1930 bis zu ihrem Tod führte Lili ein Tagebuch, welches „Niels Hoyer“ (eigentlich Ernst Harthern) zu einem Buch verarbeitete. Schon die Geschichte von Lili Elbe war damals eine Sensation in den weltweiten Medien (u.a. in Dänemark, Frankreich, Deutschland und den USA), und ihr Buch wurde zu einem Bestseller. Kaum einem trans* Buch danach ist je wieder eine solche Aufmerksamkeit zuteil geworden!

So etwas wie eine Werkgeschichte

Der originale Text der Biographie von Lili Elbe „Ein Mensch wechselt sein Geschlecht“ von 1932 war seit vielen Jahren kaum noch zu bekommen, spätestens seit dem Film „The Danish Girl“ von 2015 waren die sehr raren antiquarischen Exemplare der Ausgaben von 1932 und 1954 komplett verschwunden. Meine eigenen Exemplare hatte ich schon einige Jahre eher erstanden, sie waren rar und teuer.

1932 war Lili Elbes Buch ein Bestseller in mehreren Ländern. Nach dem medialen Rummel um Christine Jorgensen 1953 bot sich dann eine gute Gelegenheit für eine Neuauflage, die 1954 als Taschenbuch erschien. (Das übrigens leicht gekürzt ist.) Seitdem geriet die Geschichte allmählich in Vergessenheit. 

Erst eine literarische Verarbeitung im Buch „Das dänische Mädchen“ von David Ebershoff im Jahr 2000 verschaffte dem Stoff wieder etwas mehr Bekanntheit. Auch Ebershoff hatte den alten Text nur zufällig entdeckt. Über einen längeren Zeitraum gab es dann Planungen, das Buch „Das dänische Mädchen“ auch zu verfilmen, zeitweise war u.a. Nicole Kidman im Gespräch für Lilis Rolle. Aber es dauert wohl länger, bis das Projekt Realität werden konnte, in der IMDB verschob sich das Release-Datum mehrmals um ein Jahr nach hinten. Ende 2015 erschien dann der wunderbare Film „The Danish Girl“ im Kino. Diesem Film gebührt das Verdienst, Trans* stärker ins Bewusstsein gerückt zu haben – in einer unterhaltsamen und mainstream-tauglichen Kinovariante. Der Film reihte sich ganz hervorragend in den Trend hin zur Sichtbarkeit von Trans* (Lana Wachowski, Caitlyn Jenner und die Serie „Transparent“ sind einige Beispiele) ein. Das bot der Community eine Chance, aus der Unsichtbarkeit herauszutreten, in die sich viele seit langer Zeit zu flüchten versucht hatten.

Spätestens jetzt gab es eine Nachfrage nach dem alten Originaltext von Lili Elbe von 1932, und auch von Ebershoffs Buch „Das dänische Mädchen“ erschien eine Neuausgabe. Leider blieb der Originaltext weiterhin unzugänglich.

Rezension

Wie viele Jahre habe ich darauf gewartet? 

Der eigentliche Stoff ist schnell erzählt und nicht unbedingt literarisches Highlight. Eine trans* Frau erzählt von ihrer Reise zum „kompletten“ Frausein, mit biographischen Rückblicken in Tagebuchform. Sie berichtet vom Unverständnis der Umwelt und hat nur wenige Unterstützer. Schließlich findet sie Mediziner, die ihr helfen wollen und unterzieht sich mehreren geschlechtsangleichenden Operationen. In ihren Gedanken leben dabei viele Klischees über Männer und Frauen und wie sie so zu sein haben.

Das kennst du schon aus anderen Autobiographien? Ja, es gibt viele, und sie ähnlich sich oft. Das Außergewöhnliche ist aber, dass dieser Text 1932 erschienen ist! Also zu einer Zeit, als trans* Menschen noch sehr viel außergewöhnlicher waren als heute oder in den 90ern. Damals war es wirklich extrem schwer, Kontakte zu finden und sich auszutauschen, Magnus Hirschfelds progressives Institut für Sexualwissenschaft war weitgehend singulär. Berlin war immerhin ein Ort, an dem sich eine gewisse Community bilden konnte.

Und so ist das Buch „Ein Mensch wechselt das Geschlecht“ von 1932 eine Pioniertat, vorher gab es nur sehr vereinzelte Berichte, und dann eher in medizinischer Fachliteratur oder sog. „grauer“ Literatur, die heute weitgehend verschollen ist. Ganz viele spätere Autobiographien und ihre Narrative lassen sich auf Lili Elbe zurückführen.

Und auch für mich war dieses Buch besonders. 2002 studierte ich in Dresden und konnte tatsächlich ein Exemplar dieses seltenen Buches in der dortigen Bibliothek finden. Dieses erste autobiographische Zeugnis eines Geschlechtswechsels im modernen Sinn faszinierte mich, zumal in Dresden, wo ich lebte. Meine eigene Transgender-Bibliothek bestand zu dieser Zeit aus ein paar mehr oder wenig zufällig entdeckten Büchern. Und jetzt ein 70 Jahre alter Fall … beeindruckend! Und so wurde Lili Elbe zum Namensgeber meiner eigenen Sammlung und dieser Website.

Umso verdienstvoller ist es vom beb.ra verlag, den Text jetzt, 87 Jahre später, wieder zugänglich zu machen!

Gegenüber dem Original enthält das Buch von 2019 zusätzlich eine ganze Reihe von Informationen, die helfen, den Stoff in einen Kontext zu stellen. Zunächst gibt es ein Vorwort mit einer kurzen Übersicht über Leben und Werk von Einar Wegener / Lili Elbe. Hinter dem Text befindet sich ein sehr kluges Nachwort von Rainer Herrn (den ich sehr schätze) – damit würde ich die Lektüre beginnen. Außerdem sind im Text alle Pseudonyme gegen die tatsächlichen Namen ersetzt worden. Am Ende des Buches findet sich schließlich ein Personenverzeichnis, in dem alle Protagonisten nochmal eingeordnet werden.

Das Buch ist hochwertig und liebevoll gestaltet und kostet 24 € (als E-Book 18,99 €). Ich kann es unbedingt empfehlen. Ich wünsche dem Verlag sehr, dass er es gut verkaufen kann!

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