Ein kleiner Recherche-Krimi auf den Spuren von Leo Zahn

Ein seltsames Büchlein

Im Jahr 2015 entdeckte ich bei einer meiner vielen Recherchen nach antiquarischen trans* Büchern ein Werk von 1910, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, und zu dem ich online überhaupt nichts herausfinden konnte. Es trug den Titel „Aus dem Tagebuche einer männlichen Gymnasiastin“, der/die Autor*in war anonym. Für meine Bibliothek klang das spannend, und so bezahlte ich die nicht ganz kleine Summe von 75 € für ein völlig unbekanntes Buch.

Spannende Post – ein unbekanntes Buch

Als ich einige Tage später Post bekam, war ich von dem Büchlein angetan. Es machte einen schönen Eindruck, beinahe quadratisch – für ein Buch sehr ungewöhnlich, gerade mal 16 x 13 cm groß, und in liebevollem Jugendstil gestaltet.

Ich weiß nicht mehr, ob ich das Buch dann auch wirklich las, denn zu der Zeit beschäftigte ich mich sehr viel meiner eigenen Familiengeschichte. Ich scannte Fotos, kontaktierte entfernte Verwandte, recherchierte alte Urkunden usw.

Irgendwelchen Kontext konnte ich jedenfalls nicht herausfinden, es gab keinerlei Informationen zum/r Autor*in, und sowohl Google als auch die Datenbanken von Worldcat und der deutschen Nationalbibliothek blieben stumm. Auch die Erwähnung auf der Website oder in Facebook und der Kontakt zu einem Kenner historischer trans* Literatur brachten mich nicht weiter. Nichtsdestotrotz blieb das Buch eines von meinen Schätzchen in der Bibliothek, es musste offenbar ziemlich selten sein.

#366transbuecher – Worum geht es eigentlich im Buch?

Fast fünf Jahre später fasste ich den Plan, im neuen Jahr 2020 jeden Tag ganz kurz ein trans* Buch vorzustellen. Dabei fing ich an, mich wieder mit einigen alten Titeln zu beschäftigen – so auch mit der „männlichen Gymnasiastin“. Zwischenzeitlich war mir das Buch übrigens noch ein zweites Mal antiquarisch begegnet. Und zwar lustigerweise in einem Münchner Antiquariat nur wenige Straßen neben dem, wo ich 2015 das Buch (online) gekauft hatte. Aber nach wie vor wusste ich ansonsten absolut gar nichts, das Buch blieb ohne jeden Kontext.

Jetzt las ich nochmal ganz bewusst das Buch.

Aber worum geht es eigentlich?

In Tagebuchnotizen wird die Geschichte eines Mädchens am Gymnasium erzählt, das dort allerlei erlebt, aber nie so richtig dazugehört. Außerdem fühlt es sich zu Mädchen hingezogen. Aber Homosexualität galt im frühen 20. Jahrhundert als „unsittlich“ und wurde kriminalisiert. Das Wort „homosexuell“ wird übrigens kaum verwendet, aber sehr blumig umschrieben. Im Laufe der Zeit stellt sich nun heraus, dass das Mädchen eigentlich ein Junge ist; dass sich die Hebamme bei der Geburt auch nicht ganz sicher war, man das Kind aber als Mädchen aufzog. Nun, wo die weibliche Pubertät nicht stattfindet und der Körper allmählich männlicher wird – mit Bartwuchs und eher männlichen Proportionen – wird der Hausarzt hinzugezogen. Und dieser befindet, dass es wohl doch eher ein Junge sei. Und dann wechselt das Mädchen die Rolle und wird zum jungen Mann, was natürlich einiges Aufsehen erregt.

Die Sprache des Textes ist übrigens bemerkenswert, da wusste jemand mit Worten umzugehen.

Inhaltlich geht es also um eine „irrtümliche Geschlechtsbestimmung“, wie Magnus Hirschfeld es wohl genannt hätte. Also um einen Fall von sogenanntem „Pseudohermaphroditismus“ in der Terminologie der damaligen Zeit.

Gezielte Lektüre

Bei der Lektüre markierte ich mir nun alle Stellen, die irgendwie bei einer Identifizierung von Namen, Orten usw. helfen könnten.

Ich konnte folgende Anhaltspunkte zur Identifizierung finden:

  • Die „Wandlung“ im Buch findet zwischen 1906 und 1908 statt, der Autor ist dabei etwa 16-18 Jahre alt. D.h. er wurde ungefähr zwischen 1888 und 1892 geboren.
  • Die Hauptfigur hieß erst Leopoldine, dann Leopold.
  • Die Familie lebte in Wien oder einem Vorort, als unmittelbare Angehörige werden eine Schwester und die Mutter erwähnt.
  • Alle ansonsten erwähnten Namen von Lehrkräften und Mitschülerinnen konnte ich überhaupt nicht verifizieren, viele sind auch abgekürzt oder anonymisiert.
  • Die Zeitungen in Wien, Österreich und schließlich auch im Ausland (England und Deutschland werden genannt) schreiben über den Fall. Bei der örtlichen Tageszeitung wird der Autor auch vorstellig, um erfundene Geschichten zu korrigieren. Stattdessen schreibt die Zeitung aber einen neuerlichen Artikel.
Aus dem Buch: Der Autor besucht die Redaktion

Neue Recherchen, neues Glück

Der erste Gedanke für eine erneute Recherche war, dass es vielleicht Erwähnungen in historischer trans* Literatur gibt. Meine kürzlich erstandenen Bände 2 bis 9 der Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen „enden“ leider zu früh, und bei Krafft-Ebing, Hirschfeld, Bloch usw. tauchte dieser Fall nicht auf bzw. es ging eher um andere Themen.

Dann spuckte Google doch tatsächlich einen Treffer für das Buch in einem schwedischen Archiv aus, der einen Autoren nennt, nämlich einen „Leo Zahn“. Allerdings ohne Information, wo der Name herstammt. (Update: Der Name kam vom Antiquar.) Das war eine Spur! Leo = Leopold, das würde schonmal passen. Und es gab tatsächlich einen Kunsthistoriker Leopold Zahn, der 1890 in Wien geboren wurde und 1970 in Baden-Baden starb. Es gibt sogar ein Denkmal in Baden-Baden! Sollte das tatsächlich der Autor des Büchleins sein?

Jetzt hatte ich einen Anhaltspunkt, und war ziemlich neugierig darauf, mehr herauszufinden.

Zeitungen ANNO dazumal

Vielleicht waren Artikel in der damaligen Presse erschienen, die irgendwo online sind? Mir fiel ein, dass ich im Rahmen meiner genealogischen Recherchen oder in einem Geschichtspodcast vor längerer Zeit von digitalisierten Zeitungen in Österreich gehört hatte. Und siehe da, es gibt das Projekt ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek. 

In dem Moment dämmerte mir übrigens, dass ich in der Deutschen Nationalbibliothek natürlich nichts hatte finden können, wenn das Buch doch in Wien verlegt wurde! Und siehe da, in der Österreichischen ist es verzeichnet! Nun wusste ich schon von zwei weiteren Quellen, die das Buch besitzen!

Zurück zu ANNO: Wie sollte ich in einer Datenbank mit Tausenden digitalisierten Zeitungen und mehreren Millionen Seiten etwas herausfinden? Immerhin gibt es eine Volltextsuche – bei Texten in Fraktur ist die aber oft nicht zuverlässig. 

Über die Suche konnte ich jedoch tatsächlich einige wenige Buchbesprechungen von 1910 finden! Und in einer der Besprechungen erwähnte der Zeitungsredakteur, dass sie in ihrem Blatt zwei Jahre zuvor über den Fall berichtet hatten. Mit diesen Angaben konnte ich die Suche auf eine Zeitung („Die Zeit“) und ein Jahr (1908) einschränken, und die Anzahl der Treffer wurde überschaubar.

Jetzt fand ich tatsächlich einen Artikel vom Mai 1908, der von der ungewöhnlichen „Verwandlung“ eines Mädchens in einen Jungen berichtet. Und dann noch einen zweiten einige Tage später, der vom Redaktionsbesuch erzählt – ganz genau so wie im Buch beschrieben! 

Der erste Artikel vom 10. Mai 1908 (Ausschnitt)
Der zweite Artikel vom 13. Mai 1908 (Ausschnitt)

Auch einen illustrierten Beitrag in einer Wochenzeitschrift vom Mai 1908 fand ich – alles wie im Buch! Spannend!

Im „Interessanten Blatt“ erschien am 21. Mai 1908 ein illustrierter Artikel

Von der Zeitung zum Taufbuch

Mit den neuen Daten aus den Zeitungsartikeln (die Familie lebte in der Barrawitzkagasse im 19. Bezirk, und die Mutter war eine Fabrikantenwitwe) und dem möglichen Geburtsdatum (08. Juli 1890) kam ich dann noch auf eine weitere Idee. Wiederum erinnerte ich mich an die Familiengeschichte, in einem Vortrag hatte ich vor einigen Jahren von einem Projekt „Matricula“ gehört. Dort werden österreichische Kirchenbücher im großen Stil digitalisiert. Bisher war das für mich immer uninteressant, da ich keinerlei familiäre Beziehungen dorthin habe. Jetzt war es möglicherweise genau das, was ich brauchte.

Nun hat Wien aber etliche Bezirke und wohl Hunderte Pfarren. Wie sollte ich da die richtige finden, um im Kirchenbuch zu recherchieren? Diese sind im Normalfall nicht indiziert, und eine Volltextsuche funktioniert wegen der höchst unterschiedlichen Handschriften nicht. Über ein altes Wiener Adressbuch konnte ich mich dem aber nähern.

Die Pfarren im 19. Wiener Stadtbezirk – dort lebte die Familie zur Zeit des Wechsels im Jahr 1908 brachten leider keine Treffer. Aber vielleicht war die Adresse ja 1890 eine andere gewesen? Und genau so war es: Als das Kind auf die Welt kam, lebte die Familie im 3. Bezirk in der Salesianergasse.

Die Familie Zahn in der Salesianergasse 9 im Wiener Adressbuch 1890

Und jetzt musste ich nur noch ein paar Taufbücher im 3. Bezirk für 1890 durchsuchen. Das dachte ich jedenfalls. Denn ich fand: Nichts. Und jetzt? Vielleicht folgte ich doch einer falschen Spur?

Ich wollte noch nicht aufgeben. Und versuchte benachbarte Pfarrgemeinden. Schließlich war es eine Pfarre im 4. Bezirk – die Salesianergasse liegt genau auf der Grenze zwischen den Stadtbezirken – in deren Taufbüchern ich fündig wurde!

Jetzt hatte ich es schwarz auf weiß vor mir: Leopoldine Johanna Maria Zahn, am 8. Juli 1890 geboren, am 20. Juli getauft. Mit einem Stempel mit einem Todesvermerk von 1970 in Baden-Baden. Und mit handschriftlichen Notizen zum Wechsel des Namens und des Geschlechts. Wie aufregend!

Taufbuch-Eintrag von 1890 mit Namensänderung und Sterbevermerk

Nachweis geglückt

Damit ist zweifelsfrei die Identität nachgewiesen und das Rätsel gelöst: Leopold Zahn ist der anonyme Autor des Buches „Aus dem Tagebuche einer männlichen Gymnasiastin“! Und wir haben einen Fall, der dem aus dem Buch „Aus eines Mannes Mädchenjahrenvon 1907 sehr ähnlich ist. Dort steckte Karl M. Baer aus Berlin hinter dem ursprünglich anonymen Autor.

Leopold Zahn war später ein produktiver Kunsthistoriker, es gibt etliche Werke von ihm. So hat er z.B. 1920 die erste Monographie über Paul Klee geschrieben, außerdem ein Buch zu Vincent van Gogh und Bücher zur Kunstgeschichte, die in vielen Auflagen erschienen sind. Leider findet man über ihn ansonsten erstaunlich wenig heraus, es gibt auch keinen Wikipedia-Eintrag. Dazu werde ich weiter recherchieren.

Update vom 11. Januar 2020: Ich habe einen Wikipedia-Artikel über Leopold Zahn geschrieben.

Quellen

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