Friederike Schmidt, Bayern

Wann erwähnt: 1906

Namen(n): M: / W: Friederike Schmidt

Lebensdaten: 1861 geboren

Beruf:

Ort(e): Bayern

Fallbeschreibung

Originaltext Hebammen-Zeitung

Irrtümliche Geschlechtsbestimmung.

Ueber einen Fall von irrtümlicher Geschlechtsbestimmung schreibt Dr. Hirschfeld in der „Monatsschrift über Harnkrankheiten und sexuelle Hygiene“ Heft 1, 1905, folgendes:

Friederike S. wurde 1861 auf einem Dorf in Bayern geboren. Die Eltern, welche sich mit Landwirtschaft beschäftigen, leben noch, sind über siebzig Jahre alt und gesund. Sie sind nicht blutsverwandt, die Mutter ist zwei Jahre älter als der Vater, beide sind sittenstrenge, sehr fromme und biedere Leute und führen eine glückliche Ehe.

Friederike hat zwei Geschwister, die verheiratet sind, Kinder haben und stets kräftig und gesund gewesen sein sollen.

In ihrer engeren und weiteren Familie sind ihr kerne Fälle von geistigen Störungen, niangelhafter Körperentwicklung, Bruch, Kröpf, Lues, Alkoholismus, Tuberkulose bekannt, auch kamen in der Verwandtschaft keine Selbstmorde vor.

Eine Belastung ist nicht nachweisbar.

Friederike lernte rechtzeitig gehen und sprechen. Die erste und zweite Zahnung verlief normal; sie litt weder an Kopfschmerzen noch an Krämpfen, Bettnässen oder anderen Störungen. Von den Eltern, die niemals mit ihr über geschlechtliche Berhältniffe sprachen, wurde sie streng und etwas prüde erzogen. Besonders wunderte sie sich, daß die Mutter ste niemals „nach dem Unwohlsein gefragt hat“. Sie zog im allgemeinen Knabenspiele vor, vor allem kletterte sie gern auf Bäume, lernte aber auch alle Handarbeiten. In der Schule machte sie gute Fortschritte; große Vorliebe hatte sie für Naturwissenschaften und Geographie, auch für Rechnen, weniger für Religion. Im 13. Lebensjahr zeigten sich Zeichen der Reife, die Brüste blieben völlig unverändert, Perioden traten nicht ein, im 17. Jahr veränderte sich die Stimme. Im Beginne der zwanziger kamen Barthaare an Oberlippe und Kinn, welche sie anfangs mit der Schere, später mit dem Rasierniesier entfernte. Ziemlich früh, ihrer Erinnerung nach schon vor der Reise, begann sie durch Reibungen an der „Clitoris“ zu masturbieren und hat diese Manipulationen, allerdings vielfach mit monatelangen Unterbrechungen, bis in die jetzige Zeit fortgesetzt.

Geistige Eigenschaften: Die Patientin macht einen ernsten, ruhigen Eindruck, sie lacht wenig, ist sehr schamhaft, mißtrauisch und ängstlich. Anderseits liegt aber auch viel Liebenswürdigkeit und Gutmütigkeit in ihrem Wesen. Sie gibt an, daß sie ziemlich leicht heftig wird und wenn sie verletzt ist, sehr rachsüchtig sein kann. Abergläubisch ist sie gar nicht, sie kann sich „ordentlich aufregen“, wenn ihre Mitarbeiterinnen vom Traumdeuten und Kartenlegen sprechen. Familiensinn ist nur in geringem Grade vorhanden, ein Kind möchte sie nicht besitzen, Tiere hat sie sehr gerne, sie ist sehr opferwillig und könnte für eine Freundin „ihren ganzen Verdienst hingeben“. Sie ist unstet, etwas lässig und von wenig festem Willen. Rohheiten und besonders Zoten sind ihr zuwider ; sie trinkt und raucht gern und kann 4 halbe Liter „Echtes“ oder eine Flasche Wein gut vertragen.

Ihre Intelligenz ist bedeutend, sie besitzt eine für ihren Stand um ­ fangreiche Bildung. Das Gedächtnis ist gut, sie beobachtet und prüft scharf. Sie hat Vorliebe für Musik und Malerei, geht gern in die Museen; vor allem liebt sie das Theater, von männlichen Persönlichkeiten ist König Ludwig II. von Bayern „ihr Ideal“. Sie interessiert sich für Altertümer, auch für Krieg und Politik, in der Zeitung fesseln sie am meisten die Selbstmorde. Für die Mode hat sie gar kein Interesse, sie liest gern wissenschaftliche Werke, niemals Romane. Sie kann kochen, versteht Haus- und Handarbeiten, doch gibt sie männlichen Beschäftigungen den Vorzug. Sie besitzt einen Revolver und scharfe Patronen, schießt gern, kann auch reiten und rudern. Sie wäre am liebsten Kunstreiterin ge ­ worden, auch Malerin, sie zeichnet häufig Damenköpfe, auch hätte sie gern als Soldat gedient, sie liebt aber das Militär nur im Ausmarschanzug, nicht im „Sonntagsstaat“. In ihrer Kleidung zieht sie einfache, anliegende Gewänder vor, am angenehmsten ist ihr die englische Façon (Reitkleid), sie hat Abneigung gegen Schmuck, Vorliebe für hohe Kragen und Herrenhüte, doch trägt sie, um weiblicher auszusehen, einen großen Federhut, ein Samtband um den Hals, das den Adamsapfel verdeckt, Bluse mit Brosche, Korsett mit Brusteinlage und Tournüre. Auf Maskenbällen ist sie zu ihrer großen Freude einigemal als Mann gegangen. Ohrringe, die sie ebenfalls früher getragen hat, sind ihr verhaßt, ebenso Armbänder, Fächer, Parfüms, Puder und Schminke. Wegen ihres bescheidenen, liebenswürdigen Charakters ist sie überall wohl gelitten, doch sind ihr größere Gesellschaften unangenehm, am liebsten ist sie zu zweien. Ihre Schriftzüge sind groß, fest und sicher.

Der Geschlechtstrieb: Die ersten geschlechtlichen Regungen traten im 16. Lebensjahr auf. Die Richtung des Geschlechtstriebes war immer dieselbe und zwar wandte sie sich von Anfang an dem weiblichen Geschlecht zu. Die Liebesträume bezogen sich stets auf das Weib, sie träumte, daß sie ein Mädchen küßte und an sich drückte, wobei Aufrichtung der „Clitoris“ eintrat. Dieselbe bemerkte sie auch schon früh beim Berühren ihrer Schulfreundinnen. Dem Manne gegenüber besteht in geschlechtlicher Hinsicht Gleichgültigkeit, vor dem „Koitus“ mit ihm Widerwillen. Vier Heiratsanträge lehnte sie ab, zweimal gab sie dem Verlangen von Männern nach, fühlte sich aber nach dem vorgenommenen Akt sehr unbefriedigt. Auf die Frage, was sie am Manne abstößt, antwortete sie: „es ist kein Reiz da“.

Ihre Neigung erstreckt sich besonders auf 18 bis 21jährige Mädchen mit vollen Brüsten und starken Arnien, und zwar mehr sanftmütige und gebildete Personen. Eine große Vorliebe hat sie für schöne Hände. Anderweitige Neigung zu geschlechtsunreifen Personen waren niemals vorhanden. Zweimal hatte sie ein Freundschaftsbündnis von längerer Dauer. jedesmal etwa 3 Jahre, sie war sehr eifersüchtig, bezeichnet aber diese Jahre als die glücklichste Zeit ihres Lebens. Die Art ihres Begehrens ist männlich, die Stärke ihres Geschlechtstriebes groß, nach dem Verkehr mit einer Frau fühlt sie sich erfrischt und gesundheitlich gefördert. Wenn die Gelegenheit lange fehlte, griff sie zur Selbstbefriedigung. Sie fühlte sich oft sehr unglücklich, litt an Lebensüberdruß, kaufte sich einen Revolver, hat aber keinen Selbstmordversuch gemacht. Am liebsten wäre sie „als Mann geboren“, angekämpft gegen ihre Natur hat sie nicht, weil sie es für aussichtslos hielt. Trotz sehr religiöser Erziehung hat sie ihren Glaube verloren, weil „in der Bibel steht, Ihr sollt Euch vermehren, und sie nicht an einen Gott glauben kann, der so unvollkommene Geschöpfe geschaffen habe, wie sie eines sei“.

Die Geschlechtsteile: Die äußeren Geschlechtsteile zeigen auf oberflächlichen Anblick eine weibliche Form. Man sieht zwei stark entwickelte große Lippen, welche sich nach dem Damm zu verbreitern, ziemlich reichlich behaart sind und an der Innenseite Talgdrüsen ausweisen. In der oberen Schamlippe ist ein hühnereigroßes Gebilde deutlich greifbar. Die linke Schamlippe ist leer, doch gelingt es, von der Unterleibshöhle aus durch den linken Leistenkanal ein hodenartiges Gebilde von der Größe eines Taubeneies herabzudrücken. Es wird angegeben, daß bei dem Geschlechtsverkehr mit Weibern ein schleimiges Sekret „etwa ein Fingerhut voll“ entleert wird, welches aus einer anderen Oeffnung als der Harn hervorquillt. Dasselbe geschieht bei der Masturbation.

In die Scheide kann weder mit dem Finger, noch mit einer Sonde eingedrungen werden, da diese Manipulationen mit zu großen Schmerzen verknüpft sind. Zieht man die kleinen Schamlippen weit auseinander, so scheint es, als ob die blutigrote Scheide in einer Tiefe von 3 cm blind endigt.

Was die Geschlechtscharaktere anlangt, so läßt sich ein hodenartiger Keimstock nachweisen, von dem ein samenstrangartiges Gebilde ausgeht; im linken Leistenkanal steckt ein Keimstock unbestimmten Charakters. Der Geschlechtshöcker nimmt eine Mittelstufe zwischen Penis und Clitoris ein. Große und kleine Schamlippen sind vorhanden, welche eine kurze, blind endigende Scheide begrenzen. Im übrigen sind weibliche Organe, vor allem ein Uterus, nicht nachweisbar, dagegen scheint eine Prostata vorhanden zu sein.

Wenn auch rn diesem Fall eine ganz sichere Geschlechtsdiagnose erst bei der Sektion möglich ist, so läßt sich, trotzdem mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit sagen, daß es sich hier um eine irrtümliche Geschlechtsbestimmung handelt, indem die als Weib lebende Friederike Schmidt in Wirklichkeit männlichen Geschlechtes ist.

Quellen