Herr P. (Hirschfeld 17)

Wann erwähnt: 1910

Namen(n): M: Herr P. / W:

Lebensdaten: 1886 geboren

Beruf: Dr. iur.

Ort(e): Sommer 1896 nach Leipzig, 1898 nach Wiesbaden, Studium in Tübingen, Berlin

Fallbeschreibung

Originaltext Hirschfeld

Fall XVII.

Der folgende Fall gelangte erst zu meiner Kenntnis nachdem dieses Buch nahezu vollendet war. Der Herr hatte sich im Oktober 09 an Kollege J. Bloch mit einem Brief gewandt, in dem er ihm unter Bezug auf den in seinem „Sexualleben unserer Zeit“ Veröffentlichten Fall (XIV dieser Kasuistik) u. a. Folgendes schreibt:

„Bislang glaubte ich, meinen Zustand als einen durchaus akzessorischen, krankhaften ansehen zu sollen, der also mit Willenstherapie heilbar sein müsste. Wenn ich es nun auf diesem Wege unter starkem Aufgebot von Energie, die ich damit von anderer Betätigung absorbierte, dahin gebracht habe, für längere oder kürzere Zeit mich von dem Verlangen meiner inneren Empfindung durch weibliche Bekleidung konformen Ausdruck zu verleihen, zu befreien, so sah ich doch schon seit längerem diesen Kampf als einen fruchtlosen (auf die Dauer) und vom Standpunkte der Geistesökonomik unrationellen an. Letzteres aus dem Grunde, weil ich im weiblichen Habitus das grösste Gedeihen meines Arbeitens finde. Sitze ich z. B. des Abends im Negligé und in Damenfrisur (Perücke aus reichlichem, echtem Material) an meinem Schreibtisch, so reihen sich die Gedanken freiwillig, die ich am Tage mühselig ergattern muss. Ich bin dann völlig als Dame gekleidet in Wäsche, Unterrock und einem japanischen Ueberwurf, die Beine in eleganten Strümpfen, die Füsse mit hohen Halbschuhen bekleidet. Das Anlegen weiblicher Wäsche und Kleidung ruft in keiner Weise sexuelle Reize hervor, sondern befriedigt mich eben insofern, als ich damit meiner Gemütsempfindung das äusserliche Gewand verleihe. Vergangenen Winter unternahm ich beispielsweise eine zweitägige Skitour im Schwarzwald in Gesellschaft zweier Herren, ohne dass mein Geschlecht in dem Damensportkostüm sich verraten hätte. Der Einfluss dieses mir entsprechenden Zustandes äussert sich deutlich, indem, wie ich oben schon andeutete, in weiblicher Kleidung mich eine solche Ruhe und Denksicherheit erfüllt, dass ich während diesen Zeiten mein Bestes leiste. Andererseits glaube ich mich nicht zu den geistig Degenerierten rechnen zu müssen, da ich mein Studium in verhältnismässig kurzer Zeit beendet habe und auch auf meinen grösseren Reisen, die mich durch den grössten Teil von Europa und weite Strecken durch Afrika und Asien führten, Mängel in der Fassungskraft und Urteilsfähigkeit nie habe entdecken können. Sie werden, verehrter Herr, es verstehen, wenn ich mich unter solchen unentschiedenen Verhältnissen unbefriedigt und unglücklich fühlen muss. Was soll ich tun? Weiter kämpfen? Mich als Weib geben und weibliche Kleidung tragen? Ich wäre zu hohem Dank verbunden, wenn Ihnen diese Confessio, in der ich mich meiner Schwester in ihrem Werk S. 597 zum grösseren Teil anschliessen kann, nicht nur als mehr oder weniger interessantes Material ihrer Studien, sondern als Anregung zu einer geistigen Meinungsäusserung dienen würde, durch die Sie die Existenz meiner Person nach mehr als nur nach der sexuellen Seite hin sichern würden.“

Kollege Bloch hatte die Güte, mir im Einverständnis mit Herrn P., den ich später auch persönlich kennen zu lernen Gelegenheit hatte, den Fall zu überweisen.

Ich gebe zunächst die ausführlichen Auskünfte, die mir der sehr intelligente P. in Beantwortung des ihm von mir vor gelegten Fragebogens gegeben hat. P., 24 Jahre, Dr. iur., Berliner, unverheiratet. Mutter lebt noch, soll zuweilen an Herzschwäche leiden, Vater vor 11 Jahren an Blutsturz gestorben; er gibt an, dass weder seine Eltern noch Grosseltern blutsverwandt waren. Bei seiner Geburt stand sein Vater im 32., seine Mutter im 24. Lebensjahre. Im Gesicht ist P. seiner Mutter ähnlich, die Grösse hat er vom Vater. Im übrigen habe er ziemlich wenig von den Charaktereigenschaften seiner Eltern übernommen und sich sehr selbständig entwickelt. Geschwister hat er keine, doch wünschte sich angeblich seine Mutter sehnlich vor seiner Geburt ein Mädchen. Die Ehe seiner Eltern sei aus Neigung geschlossen und eine glückliche gewesen, seine Erziehung war eine strenge. Er gibt an, für die Mutter mehr Sympathie gehabt zu haben als für den Vater. In der näheren Verwandtschaft seien väterlicher- wie mütterlicherseits durchaus gute körperliche und geistige Gesundheitsverhältnisse. Beide Eltern stammen vom Lande, die Mutter aus badischem Grossgrundbesitz, der Vater aus einem Landpfarrhause der Provinz Sachsen. Geistigen Getränken gegenüber sollen sich seine Eltern mässig verhalten haben. Selbstmorde und bemerkenswerte Konflikte mit den Gesetzen sind bei seinen Verwandten nicht vorgekommen, ebensowenig finden sich Unverheiratete über 30 Jahre und männliches Aussehen weiblicher oder weibliches Aussehen männlicher Familienglieder. Ueber das Vorkommen abnormer geschlechtlicher Neigungen unter seinen Verwandten äussert sich P. wie folgt: „Ein Oheim (Bruder der Mutter) Gutsbesitzer in Bosnien, scheint nach den Büchern, die ich bei einem Besuche bei ihm gefunden, Masochist zu sein. Zwei verheiratete Schwestern der Mutter sind stark sinnlich veranlagt. Auch bei meiner Mutter vermute ich sinnlich gesteigerte Anlagen; da organische Unterleibsstörung nach meiner Geburt eintrat, sind weitere Kinder nicht geboren. P. lernte nach den Aeusserungen seiner Mutter erst spät gehen, nachdem er vorher schweren Diphteritis und Keuchhusten überstanden. Die ersten Zähne kamen früh, er büsste sie mit 4 Jahren durch einen unvorsichtigen Sprung in eine Sandgrube grösstenteils ein. II. Zahnung stellte sich bereits im 5. Jahre ein. Er will an „Kopfkrämpfen“ infolge der Diphteritis gelitten haben. Er sei m seiner Kindheit weder ängstlich noch schreckhaft, vielmehr ziemlich couragiert gewesen. Mit Vorliebe sah er militärischen Exerzitien zu. P. gibt ferner an, in frühester Jugen vornehmlich mit Knaben, vom 4. Jahre ab jedoch gern mit Mädchen gespielt zu haben; vorher deshalb nicht, Gelegenheit dazu fehlte. Mit Bleisoldaten will er sich ebenso gern wie mit Puppen, wovon er einige besass, beschäftigt haben. An Strassenspielen nahm er nicht teil. Er konnte als Kind gut sticken. Im Verkehr mit anderen Kindern wurde P. von seinen Eltern sehr exclusiv gehalten. Als er noch Kleidchen trug, soll man ihn sehr oft für ein Mädchen halten haben. Wie seine Mutter ihm oft erzählte, wollten Leute ihre Angaben bezügl. seines Geschlechtes nicht glauben. Auch später hat er weiche Züge behalten. Auf Träume aus seiner Kindheit kann sich P. nicht besinnen. Sein Leinen war durchschnittlich. Von Schulfächern interessierten ihn vornehmlich Geographie, Geschichte und Deutsch, später auch Latein. Gleichmässig unsympathisch waren ihm Mathematik und Religion, nach seiner Meinung letztere wohl deshalb, weil er in dieser Hinsicht zu Hause sehr streng gehalten wurde. Wenn ihn sein Vater strafte, was nicht häufig geschah, gab es Prügel auf das Gesäss. Unter den Lehrern will er nicht zu leiden gehabt haben, mit Ausnahme eines katholischen Geistlichen in S., der die Gewohnheit hatte, die Schüler an den Schläfenhaaren in die Höhe zu ziehen. In den beiden ersten schulpflichtigen Jahren erhielt P. Hausunterricht und sollen geschlechtliche Anregungen nicht vorgekommen sein. Zu Kameraden will P. keine aussergewöhnlichen Freundschaften gehabt haben wegen seines angeblichen Hochmuts mieden ihn dieselben, und er machte sich auch nichts aus ihnen. Eine Zuneigung empfand er zu einem Freunde seines Vaters wegen dessen ernsten, gründlichen Verstandes und seiner Herzensbildung Vom 4. Jahre ab hatte P. stets ein Zimmer für sich und ist ein Zusammenschlafen mit erwachsenen oder unerwachsenen Personen nicht vorgekommen. Mit 14 Jahren will er das erste Mal von geschlechtlichen Dingen sprechen gehört haben und entnahm mancherlei aus den Gesprächen seiner Mitschüler, ohne jedoch sich weiter darum gekümmert zu haben. Im 15. Jahre, nach der Konfirmation, unterhielt er sich auch mit Mädchen darüber, und zwar in der Anschauung, wie diese sie hatten. Ueber seine geschlechtlichen Erlebnisse vor der Pubertät äussert sich P.: „Als ich 11 Jahre alt war, wurde ich einige Tage, der Vorbereitungen unserer Uebersiedelung nach Leipzig wegen, zu einer meinen Eltern befreundeten angesehenen Berliner Familie in Pension gegeben. Eines Abends sah ich dort, wie die Brüder die Schwestern unzüchtig berührten; in der folgenden Nacht, — ich schlief im Zimmer der beiden ältesten Schwestern, die damals 17 und 19 Jahre alt waren, — legten sich beide nach einander in mein Bett und zogen mich an sich. Dann drohten sie mir, ich dürfte nichts davon sagen, sonst würden sie meinen Eltern erzählen, ich sei unartig gewesen. Geschlechtliche Erregung bewirkten diese Fälle nicht. Ich erregte mich aber anderweitig unbewusst, indem ich schon auf meinem Schaukelpferd das mit Pferdehaut und echtem Haar bezogen war, beim Schaukeln nach vorn an den Hals rutschte, dabei ein nicht unangenehmes Gefühl an den Genitalien empfindend; dies hörte aber mit dem Verschwinden des Pferdes etwa im 6. Jahre auf. Im 15. Jahre berührten die erwähnten Mädchen, mit denen ich mich über geschlechtliche Dinge unterhielt, mich an meinen Genitalien. Seitdem habe ich niemals wieder weder selbst onaniert, noch bin ich dazu von anderen veranlasst worden.“

Die Geschlechtsreife des P. fällt in das 14./15. Jahr, wo er eines Morgens beim gewohnheitsmässigen Kaltbad ein Sekret an seinen Genitalien beobachtete, das von der ersten nächtlichen Pollution herrührte. Anderweitige Zeichen der Geschlechtsreife sollen sich bei P. erst später entwickelt haben Im 18. Jahre zeigte sich schwacher Bartwuchs, der mässig blieb. Vom 20. Jahre ab, zu der Zeit seines Militärdienstes will er ein leises Hervortreten der Brustwarzen, deren Umgebung im Gegensatz zu den umliegenden straffen Partien eigentümlich weich blieb, beobachtet haben. Ueber den ersten Versuch eines Geschlechtsverkehrs berichtet P. folgendes „Mit 22 Jahren gab ich auf einer Reise in den deutschen Kolonien dem Drängen einer sinnlich stark veranlagten adligen Dame, die ich auf der Ueberfahrt kennen gelernt hatte, nach. Als ich bereits einige Monate im Lande war, lud mich der Mann jener Dame, — zwischen beiden Gatten war ein Unterschied von 15 Jahren — auf seine Pflanzung ein, mit der Bitte, ihn während seiner 4wöchigen Abwesenheit in einem Hafenort den Arbeitern und europäischen Angestellten gegenüber zu vertreten, da seine Frau der Negersprache nicht mächtig sei. Wiederholt war ich dem deutlichen Wunsch der Dame nach einem Coitus mit ihr ausgewichen. Eines Nachmittags kam ich stark ermüdet von einem weiten Ritt zurück und gedachte, einige Stunden zu ruhen. Zufällig (es kann aber auch Befehl der Dame gewesen sein) hatten meine beiden Boys die Gelegenheit benützt, mein Zelt auszukehren und alle Sachen zum Schutz gegen Feuchtigkeit zum Sonnen ausgebreitet. Müde und schläfrig, wie ich war, nahm ich das Anerbieten der Dame, im Bett ihres Mannes zu ruhn, an, war auch bald fest eingeschlafen. Ich erwachte durch eine leidenschaftliche Umarmung seitens der Frau des Hauses, die sich zu mir gelegt hatte. Den Liebkosungen konnte ich nicht widerstehen und so kam es, dass ich mit ihr koitierte. Es geschah in normaler Weise. Ich wiederholte den Akt mit jener Dame, die übrigens steril war, noch 2 oder 3 Mal.“

Ueber seine körperlichen Eigenschaften ist folgendes zu sagen: P. ist 1,84 m lang, wiegt 72 kg, hat gut entwickelte, doch nicht übermässig kräftige Muskeln, das Fleisch ist fest und hart. Er selbst fühlt sich sexuell auch von grossen Personen bis zu der Untergrenze von 1,75 m, jedoch nicht grösser als 1,86 m angezogen, namentlich wenn Körperfülle fehlt, und die Frauen einen gut ausgebildeten Körper, keine übertriebenen Muskeln, aber auch kein schlaffes Fleisch besitzen. P. treibt alle Sportarten ausser Rad- und Jagdsport, letzteren nicht, weil ihm Jagd keine Freude macht. Er hat besondere Vorliebe für Fechten, Reiten, Turnen und Schwimmen. Den Tanz liebt er sehr, kann ihn jedoch wegen leicht eintretender Schwindelgefühle zu seinem Bedauern nicht ausüben. Er bevorzugt den harmonischen Musiktanz (Schrittanz), namentlich Menuett nach Art der Rococozeit mit graziösen Bewegungen. Seine Schritte sind gross und fest bei ruhiger Körperhaltung. Er besitzt eine helle, reine Haut, liebt beim Weibe sehr von der Sonne gebräunten Teint. Besonders hat ihm die Haut der Fellachinnen gefallen. Sein Haupthaar ist kurz, dicht und sehr weich. Arme, Beine und Achselhöhlen sind wenig, Brust und Bauch garnicht behaart, die Genitalien im männlichen Typus. P. hat sein dunkelblondes Haupthaar links gescheitelt, vorn eine Sträne gewellt, gibt beim Weibe braunem Haar in allen Nuancen den Vorzug. Er errötet nicht sehr leicht, es kommt aber bei ernstlichen Anlässen vor; erblasst will er noch nie sein. Seine ziemliche Schmerzempfindlichkeit vermag er durch starken Willen im Einzelfalle zu mässigen. Hand und Fuss sind gross, sein Handschlag ohne Affektation, mit mässigem, nicht zu kräftigem Händedruck. Er besitzt eine schlanke, ausgeglichene Figur, wie er solche auch bei Frauen liebt. Die Schulterbreite beträgt, von Achsel zu Achsel gemessen, 52 cm, der Brustumfang in Einatmungsstellung 98 cm, die Taille 68 cm und der Beckenumfang rund unterhalb der Hüften 105 cm. Seine Brust ist männlich voll entwickelt, Brustwarzen leicht feminin. Er liebt beim Weibe volle, pralle Brüste. Die Ohren sind massig gross und weisen keine Besonderheiten auf. Sein graues Auge mit leicht grünlichem Schimmer und ruhigem Blicke zieht nach seiner Angabe viele Damen an, ohne dass er bewusst damit kokettiere. Er selbst liebt bei der Frau ein klares Auge von brauner oder grüner Farbe. P. hat eine Vorliebe für Tannen- und Rosenduft, jedoch nur, wenn sie nicht aufdringlich sind. Parfüm gebrauche er nicht, schätzt aber an Damen ein mässig verwendetes englisches Parfüm. Bittere, salzige oder stark gewürzte Speisen geniesst er nicht gern. Sein Gesichtsausdruck wird allgemein als durchaus männlich gefunden. Sein Kehlkopf ist normal gebaut. Die mässig laute, einfache, mittelhohe Stimme ermüdet bei langem Sprechen leicht, bei lautem Sprechen, z. B. Kommandieren, wird sie bald heiser. Bei Gesang ist Neigung zur Bassstimme vorhanden. Zu Zeiten starker Arbeitshäufung leidet P. an Unruhe und Zittern; Schlaflosigkeit und Mattigkeit sind vorhanden, wenn sein Geschlechtstrieb sehr rege ist und nicht befriedigt wird. An den Genitalien bestehen keine Bildungsfehler.

Die Gemütsart des P. ist eher hart als weich, namentlich seit seinem 18. Jahre. Er gibt an, keine starke Empfänglichkeit für Freude oder Schmerz, keine besondere Lach- oder Weinneigung zu besitzen. Er hat ein gleichmässiges, ruhiges Wesen, gibt viel auf Familientradition und alte Abstammung, hat aber für die lebenden Angehörigen wenig Familiensinn; am Vaterlande hängt er sehr. Er ist im Umgang liebenswürdig. Menschenliebe achtet und schätzt er besonders theoretisch; früher war er gutmütig, jetzt weniger. Der Ehrgeiz sei seit früher Jugend bei ihm stark entwickelt, doch bleibt er sich seiner Grenzen bewusst. Auffallen möchte er nicht mit seiner Person, sondern mit seinen Arbeiten. Herrschsucht leugnet er nicht, doch äussert sich dieselbe mehr in einer gewissen Rücksichtslosigkeit. Er ist sehr verschlossen und zurückhaltend; findet er aber eine Idee für gut, so tritt er energisch dafür ein; er ist eher misstrauisch als leichtgläubig. In Religion ist er über die äussere Aufnahme des Gebotenen nicht hinausgekommen; gleichwohl schätzten ihn seine Religionslehrer, soweit es nicht Dogmatiker waren, wegen seiner überlegten, freimütigen Antworten. Einer Sekte gehört er nicht an und bringt er bei starker Ausbildung des Intellekts dem Uebersinnlichen, Wunder- und Aberglauben kein Verständnis entgegen. P. hat einen grossen Hang zum Reisen, um zu lernen, und gibt eine gewisse Vorliebe für unerwartete sensationelle Ereignisse an. Er ist ordentlich und pünktlich, verschwenderisch nur insofern, als er wie er sagt „das Aussenleben der Reichhaltigkeit seines Innenlebens anzupiassen sucht“. An zwangsmässigen ‚Vorstellungen, Zwangsantrieben oder Unterlassungen, abgesehen von dem Geschlechtsgebiet, leidet er nicht; doch ist in Bezug auf seine Verschwendungssucht hinzuzufügen, dass er das, was ihn in seinen Gedanken äusserlich zu fördern scheint, auch besitzen will. Er war früher sehr nachtragend, jetzt gleichgültiger; schätzt gerechten Hass sehr, da er darin die Triebfeder mancher moralischen Tat sieht. Sem Wille ist anderen gegenüber stark entwickelt, gegenüber der eigenen Person nicht so sehr. Furchtsamkeit ist ihm fremd, er liebt nur energische, sich und ihres Zieles bewusste Persönlichkeiten. P. bemerkt weiter, zum Wohlleben zu neigen und habe dies auf Fruchtbarkeit und Möglichkeit seiner geistigen Arbeit einen grossen Einfluss. Ausser Sport treibt er keine körperliche Tätigkeit. Alkohol geniesst er mässig, raucht aber reichlich bessere Zigaretten, was ihm auch an Damen gefällt; Völlerei mag er nicht leiden. Sein Gedächtnis bezeichnet er als nicht hervorragend, es hat durch Chiningenuss in den Tropen gelitten; Aufmerksamkeit wendet er nur ihn interessierenden Dingen zu, will Rückgang der Phantasie infolge zunehmender Verstandestätigkeit bemerkt haben. Seine geistige Beanlagung sucht möglichst das gesamte Geistesleben der Zeit nachzuempfinden und strebt sich kritisch zu betätigen. Literarische oder künstlerische Veranlagung ist nicht vorhanden. Er beschäftigt sich besonders mit der Lektüre, die sein Studium betrifft, geniesst auch Dichtungen, namentlich der Klassiker; Zeitungen liest er nur zur Registrierung der wichtigsten Vorgänge auf politischem, rechtlichem und sozialem Gebiete. Brieflicher Verkehr als Ideenaustausch ist ihm sehr erwünscht. Uebt Musik nicht aus, hört sie aber gern; liebt namentlich Zusammenspiel von Flügel, Violine und Flöte, besitzt Neigung aber keine rechten Fähigkeiten zur Schauspielerkunst. Diejenigen Personen, die entsprechend ihrer Individualität den Zielen der Menschheit rücksichtlos nachstrebten und die zur Erreichung ihrer der Allgemeinheit zu Gute kommenden Gedanken Opfer nicht scheuten, um sich und ihrem Wollen die Bahn frei zu machen, sind sein Ideal. Sport ist ihm notwendige Ergänzung seiner geistigen Tätigkeit; zu „modernen Amüsements hat er keine Neigung. Am politischen Leben nimmt er bisher nicht teil; in seinem Studium fühlt er sich zufrieden. P. ist ein Freund geschmackvoller Kleidung, die elegant aber nicht auffällig sein soll. Kleiderformen, die die Körperlinien andeuten, aber nicht zu deutlich markieren, bevorzugt er und liebt sie auch am anderen Geschlecht; er hat dunkle Farben namentlich blau, schwarz und braun gern, Wäsche nur weiss; schätzt guten Schmuck. Im allgemeinen ist er beliebt; in ihm ferner stehenden Kreisen gilt er für stolz und exclusiv. Gesellschaftsleben braucht er zuweilen, lebt aber sonst sehr für sich, liebt das Landleben oder grössere Kulturstätten.

Ueber seine geschlechtliche Neigung und Triebrichtung äussert sich P. nun wie folgt: „Mein Geschlechtstrieb ist auf das Weib gerichtet, an dem ich all das schätze, was den Männern fehlt: langes Haar, die Körperform, schöne Brüste sowie den Uebergang von der Taille zum Becken. Besonders angenehm und schön empfinde ich den Bau der weiblichen Genitalien im Gegensatz zu den männlichen, namentlich ihre Lage im Innerorganismus; beim Weibe das Diskrete, im Gegensatz zu dem Aufdringlich-verletzenden des männlichen Organes. Vor der Geschlechtsreife fand ich mich in meinen Gedanken vorzugsweise mit Mädchen übereinstimmend, ohne allerdings jemals eine Triebrichtung auf das männliche Geschlecht zu empfinden. Im weiteren Laufe der Entwicklung, als mir die körperlichen Reize des Weibes bewusst wurden, war es ästhetisches Wohlgefallen, was mich zu dem weiblichen Geschlechte zog. Durch den Aufenthalt einer 20 jährigen Kusine, die sich stets elegant trug, lernte ich die Ausstattung weiblicher Wäschestücke kennen. Es war mir ein inneres Wohlbehagen, zu sehen, wie die intimsten Stücke mit prachtvollen Spitzen und Stickereien besetzt und in so schönen Formen gefertigt waren. Wenn ich mir vorhielt, dass diese Sachen doch nicht zur Schau getragen werden, so entsprach dies sehr meinem Geschmack, ich war der Meinung, dass man in erster Linie sich selbst gut schmücken und kleiden müsse, auch wenn Dritte es nicht gewahr werden, besonders dann, wenn ein entwickeltes Empfinden für schöne stilvolle Sachen vorhanden ist. Später nach der Pubertät und vollends nach dem ersten Koitus empfand ich geschlechtlich oft wie ein Weib. Ich sehnte mich nach Liebkosungen und wenn ich in gesteigerte geschlechtliche Stimmung kam, so geschah es, dass ich mich in die Lage eines koitierenden Weibes versetzte und mir die Anwesenheit des anderen Teiles suggerierte. Doch traten auch zuweilen Vorstellungen und Wünsche zur Aus Übung des Beischlafes nach Männerart ein. Das waren aber die selteneren Fälle. Es ist beim Akt wiederum das Aufnehmende, Empfangende, Darbringende, was mir so sympathisch ist und mich dem Weibe so gemütsverwandt macht. Sozial und geistig über mir stehende Personen verfeinerter Art ziehen mich an; denn ich betrachte das ganze geschlechtliche Tiiebleben nicht als leibliches Bedürfnis, sondern sehe in ihm seelische Bande. Mich reizt mehr der halbverhüllte Körper als der nackte. Stimmen ziehen mich nicht besonders an, können aber abstossend wirken. Eine zu weiche, schwellende Haut wie eine sich allzu hart anfühlende Muskulatur sind mir unangenehm. Rein seelische Momente, Eigenschaften des Charakters, des Willens oder des Intellekts sind wohl ausschliesslich bei mir bestimmend. Im allgemeinen fühle ich mich als Weib zum Weibe hingezogen und würde wohl, wäre ich vollkommen Weib, gleichgeschlechtlich lieben. Sehr häufig sah ich mich im Traum als Weib und empfand schon einigemale deutlich die physiologischen Vorgänge eines an mir als Weib vollzogenen Beischlafes. Mich fesseln unwillkürlich mehr Bilder, Photographien und Darstellungen von Damen, wie dieselben auch auf der Strasse, im Theater etc. meine Aufmerksamkeit erregen; dem weiblichen Geschlecht gegenüber fühle ich mich, weil mehr verwandt, unbefangener; deshalb ist diesem gegenüber das Schamgefühl etwas geringer als beim männlichen Geschlecht. Ich scheue mich zum Beispiel, in Herrengesellschaft zweifelhafte Witze zu hören oder gar zu erzählen. In meinen Zuneigungen bin ich mehr beständig. Freundschaft ist für mich das Zusammengehen zweier Menschen, die geistig gleich stark und von gleichem Streben beseelt sind; versagt einer, so endet das Band und der andere geht allein weiter, da er sich nicht aufhalten lassen darf. Anders die Liebe, die den Schwankenden zu stärken und zu sich zu ziehen sucht. Da ich rücksichtslos genug bin, kann nicht nur, sondern muss Freundschaft mir Liebe ersetzen. Ich bin ledig, habe auch keine unehelichen Kinder Der Geschlechtstrieb in seiner Beziehung auf das Seelische ist gleichmässig andauernd, mitunter von Steigerungen unterbrochen, doch nie unter ein: gleichbleibendes Niveau sinkend. Anders in Beziehung auf das Tierisch-Physische Hier ist der Trieb sehr entwickelt und zuweilen (wohl durch meine sitzende Arbeitsweise veranlasst) ausserordentlich stark. Eine Zeitlang versuchte ich die Unterdrückung durch Sport und Abwechslung; dann aber fehlte mir die Zeit für solche Betätigung. Im Interesse der kontinuierlichen Erhaltung meiner Arbeitsfähigkeit musste ich dem Triebe nachgeben. Ich folgte meiner Neigung, mich als Weib zu kleiden und zu geben. Wusste ich mich dann im Aeusseren vollkommen übereinstimmend mit meinem Empfinden, so trat allmählich auch Ruhe ein. Selbstbefriedigung durch Onanie oder andere als im normalen Verkehr herbeigeführte Ejakulation fand nicht statt. Seit dem auf einer Reise in den Kolonien erwähnten Fall, in dem ein Wunsch nach sexueller Betätigung meinerseits nicht vorlag, habe ich während jetzt 1 3/4 Jahr nur viermal geschlechtlich verkehrt. Es geschah in einem Fall in der Sommerfrische im Hotel mit einer Gouvernante, in den drei anderen Fällen mit der Tochter meiner Wirtin. Im ersten Fall koitierten wir in normaler Stellung. In den anderen Fällen wusste das Mädchen, die geistig über dem Durchschnitt stand, um meine Neigung zur Verkleidung. Wenn sie auch nicht gleichempfindend war, so hatte sie den Willen, mir zu helfen. Um mich als Weib fühlen zu können, legte ich mich mit Damenhemd, Höschen und langen Strümpfen zu Bett, während sie die Stellung und Lage eines Mannes einnahm. Im allgemeinen empfinde ich beim normalen Akt in männlicher Betätigung kein nennenswertes Lustgefühl; ich betrachte dann die Funktion als eine blosse Leibesverrichtung. Wesentlich anders verhält es sich, wenn ich Weib bin. Einen Versuch, mich in irgend einer Form mit einem Manne zu vereinigen, habe ich nie unternommen. Da ich vermöge Suggestion die Empfindung, als Weib mit einem Manne zusammen zu sein, herbeizuführen vermag, so möchte es mir am geeignetsten erscheinen, wenn ich mit einem Weibe zusammenkommen würde, das die Rolle des Mannes spielt. Event. würde der Eindruck auf mich verstärkt werden, wenn es ein Weib ist, dass ich – vice versa – gerne als Mann kleidet und fühlt. Am leichtesten könnte ich wohl durch Instruktion einer Prostituierten zum Ziele gelangen, doch ist es mir unmöglich, mit solchen Personen in Berührung zu treten, bei denen doch jedes höhere Empfinden erstickt ist. Neigung zu geschlechtlich unreifen Personen oder Neigung, der geliebten Person körperliche oder seelische Schmerzen zuzufügen, noch von der geliebten Person eine solche Behandlung zu erleiden, also masochistische oder sadistische Anwandlungen sind niemals aufgetreten. Ich leide überhaupt ausser an meinem erotischen Verkleidungstrieb an keiner sexuellen Abweichung von der Norm. Auch dieser dient nicht direkt zu einer Steigerung sexueller Empfindungen, vielmehr steht er im Zusammenhang mit der primären Tatsache, dass ich in Denken und Fühlen in vielfacher Hinsicht feminin bin. Kleide ich mich somit als Weib, so geschieht das in dem Bestreben, jenem Teil meines Gemütslebens ein Relief im äusseren Gebahren zu verleihen. Als Beweis, dass ich die Verkleidung nicht im fetischistischen Sinne vornehme, möge der Umstand angeführt werden, dass ich seit ich in der Lage bin mir eigene zu kaufen, nie von anderen getragene Frauenwäsche anlegen würde, sondern z. B. in bezug auf die Wäsche sehr wählerisch bin und in deren Auswahl eine gewisse Eleganz nicht ausser Acht lasse; sollte ich andere als Kniebeinkleider mit reicher Verzierung tragen, so würde ich eher ganz auf diese Kleidungsstücke verzichten. Der Trieb beruht m. E. vollkommen bei mir auf einer inneren Anlage, so dass ich einen bestimmten Zeitpunkt seines Entstehens nicht anzugeben vermag. Ich betätige den Trieb in mässigem Umfange seit meinem 10. Lebensjahre; ich legte damals — es war im Ostseebad Swinemünde — erstmals Mädchenwäsche an, die ich mir von der Tochter einer bekannten Familie verschafft hatte. Da ich die Verkleidungen stets geheim hielt, beschränkte ich mich auf die Bekleidung mit Wäsche während der Nacht oder wenn ich ganz allein im Hause war. Späterhin, namentlich im 15. bis 17. Jahre, trug ich unter meiner Tageskleidung Damenhemden und Hosen, die ich mir von meinem Taschengelde anschaffte. Als der Vorrat von Damenwäsche dann, ich hatte dieselbe mitwaschen lassen, von meiner Mutter entdeckt wurde, gab es eine Auseinandersetzung, in der ich jedoch die Artung meines Triebes nicht zu erkennen gab, da ich annahm, dass mich meine Mutter doch nicht verstehen würde. Bezüglich der übrigen Stücke, Röcke, Blousen und Hüte, beschränkte ich mich vorläufig auf die Mitbenutzung der Garderobe meiner Mutter sowie deren Gesellschafterin. Ich besitze auch eine gut gearbeitete Perücke, die ich jeweils bei den Verkleidungen sowie des Nachts trage. Auch habe ich ein Damenhemd mit reicher Garnierung. Während meiner Studienzeit hatte ich einige Kopfkissenbezüge mit Spitzeneinfassung und Banddurchzug, die ich jeweils den Wirtinnen zur Verwendung für meine Betten gab. Seitdem ich nunmehr im Hause meiner Mutter wohne, muss ich auf diese verzichten. Sollte das Resultat der Prüfung meines Falles dahin lauten, dass ich fernerhin meinem Triebe nachleben darf, so werde ich mir ausserhalb des mütterlichen Hauses ein Zimmer mieten und dieses für mich als Weib einrichten. Trotz dieser, wenn auch nicht andauernden, so doch intensiven Stärke meiner Neigung, hat es an Versuchen zu deren Unterdrückung nicht gefehlt. Ich benutzte hierzu die Reste meiner streng christlichen Erziehung und hielt mir wieder und immer wieder das Bibelwort des alten Testamentes vor: „Und Männer sollen nicht in Weiberkleidern einhergehen.“ Ferner versuchte ich, mir in grotesker Weise eine Ueberraschung in der Verkleidung durch Dritte vorzustellen, oder malte mir die Situation so aus, dass man mich eines Morgens mit der Perücke und dem Damenhemd etwa tot im Bette finden möchte. Dann hielt ich mir, der ich dazu neige die Gesetze der Oekonomik sowohl in bezug auf geistige wie physische Energie zu betätigen, das Zeiterfordernis der Verkleidung vor Augen. Führten letztere Erwägungen zu dem Teil-Erfolg, dass ich die Verkleidung während der Tagesstunden unterliess und lieber ein oder zwei Stunden früher aufstand, so vermochten auch alle anderen Mittel nicht, mich von der Betätigung des Triebes abzubringen. Dann Hessen mich die Befreiung und Erleichterung, die mir die Verkleidung brachte, die Gründe dagegen als unzureichend empfinden. Es bedrückt mich sehr, dass ich meiner Mutter gegenüber, obwohl ich die Verschiedenheit in grundsätzlichen Lebensanschauungsfragen endgiltig mit ihr besprochen habe und dies zu einer innerlichen Trennung geführt hat, stets das heimliche Wesen zeigen und ihr meine Neigung verbergen muss, umsomehr, als doch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen erscheint, dass trotz aller Vorsicht ich von ihr in meiner Verkleidung angetroffen werden könnte. Ihrer Auffassung nach könnte eine solche Neigung nur eine niedrige Schmutzerei sein, da sie annehmen würde, ich benützte diese Kleidung lediglich zur Erregung meiner Sinnenlust und wollte mich solcherart selbst befriedigen. Ich habe es deshalb an unauffälligen Versuchen in gelegentlichen Unterhaltungen nicht fehlen lassen, sie mit meiner Neigung vertraut zu machen; sei es, dass ich an Erzählungen aus meiner Kindheit (während einer Zeit rief man mich damals Erika) anknüpfte, oder Aeusserungen der Gesellschafterin oder der Dienstmädchen aufgriff, die zuweilen ihre Verwunderung über meine Geschicklichkeit in Tisch-Arrangements, häuslichen Dispositionen und anderen Formen weiblicher Betätigung hervorhoben. Das Resultat ist jedoch ein äusserst negatives; höchstens, dass ich ab und zu hören muss: „Ach ja, ich hatte mir ja so sehnlich eine Tochter gewünscht; denn ich weiss wohl, dass Söhne sich so leicht von der Mutter losreissen!“

Ich lebte des Glaubens, dass mein Fall eine ganz vereinzelte Erscheinung sei, die im gewissen Sinne gegen die Natur verstosse. Gleichwohl vermochte ich mich nicht als krank zu bezeichnen, da eine nachteilige Beeinflussung der Geistesanlagen nicht eintrat, wenn ich meinen Trieben nachgab. Gewann ich doch im Gegenteil dann, wenn ich mich äusserlich als Weib geben konnte die nötige Sammlung und Ruhe. Ob mein Zustand naturwidrig ist, lässt sich meines Erachtens nur individuell entscheiden. In meiner Arbeitsweise bin ich zuerst nachempfindend und rezeptiv; nachdem ich dann die mannigfachen Eindrücke geprüft und in mir habe reifen lassen, kann ich erst das Neue von mir geben So äusserte ich einmal, dass ich in solchen Zeiten der geistigen Produktion die Empfindungen eines schwangeren Weibes in seelischer Beziehung hätte: einmal das starke Hoffen und die damit verbundene Freude, dann wieder das Verzagen am Gelingen. Ich würde weniger eine Aenderung meines geschlechtlichen Zustandes nach einer Betonung der männlichen Seite hin wünschen, als eine Vervollkommnung nach der weiblichen Seite, soweit es sich auf das Physische bezieht (Genitalien, langes Haar, Brüste etc.). Personen, die ähnlich wie ich empfinden mögen, habe ich nie kennen gelernt. Darüber, ob meine Veranlagung einem Naturzweck dient, vermag ich mir keine Meinung zu bilden. Ich bin der Ansicht, dass mein geschlechtliches Empfinden die notwendige Ergänzung meiner psychischen Individualität ist, die in der geistigen Art des Weibes so viele verwandte Züge findet.

Aus den weiteren Korrespondenzen mit Herrn P. seien noch einige Stellen hervorgehoben, die das psychologische und Lebensbild seiner Persönlichkeit vervollständigen.

„Nur notgedrungen, so erzählt meine Mutter, habe sie mir, den sie selbst in ihrer Sehnsucht nach einer Tochter mit Vorliebe Erika rief, Knabenanzüge machen lassen. Wurde sie doch in ihren Wünschen unterstützt durch die Aeusserungen Dritter über das mädchenhafte Aussehen des Jungen.

Waren ohne Zweifel weibliche Elemente von Beginn an in mir, so wurde deren Entwicklung zum mindesten nicht beeinträchtigt durch den Umstand, dass ich fast ausschliesslich der Erziehung durch die Mutter unterstand. Mein Vater, Direktor eines weit im Ausland verzweigten kommerziell-industriellen Unternehmens, war sehr viel abwesend. War er zu Hause, so war er nicht derjenige, dem ich mich rückhaltlos vertrauen mochte. Sein puritanischer Sinn, der dem P.-schen Geschlechte von lange her, besonders aber von dem Herrenhuter Vorfahr Graf Z., anhaftet, liess mich ihn stets nur als einen äusserst rechtschaffenen, streng frommen — wenn auch nicht pietistischen Mann erscheinen.

Weit mehr hat auch meiner Mutter süddeutsche Eigenart als Badenserin auf mich eingewirkt gegenüber der mitteldeutschen Denkungsart des Vaters. Gleichwohl liess auch sie mir nichts durchgehen und in puncto Religion und deren Uebung merkte man nicht zuletzt ihre frühere Zugehörigkeit zur katholischen Kirche.

Persönliche Erinnerungen an meine Kindheit habe ich keine, nur einzelne ungewisse Empfindungen über das Spiel mit meinen Puppen, das Erlernen des Vater-Unsers und die Versuche der Betätigung meiner Kochkunst.

Im Sommer 1896 siedelten meine Eltern nach Leipzig über. Für mich hatte dieser Umstand den unangenehmen Beigeschmack, dass ich eine Umschulung durchmachen musste. Dazu kam noch, dass mein Vater infolge Missstimmigkeiten mit Geschäftsleuten damals sehr gereizt wurde, worunter ich und meine Mutter nicht minder viel litten. Dieser Zustand meines Vaters führte ihn denn 1898 auf Anraten des Arztes im Frühjahr nach Wiesbaden. Da der Aufenthalt dort längere Zeit dauern sollte, so folgten wir ihm im März. Am 4. April verlor ich, nachdem am Tage vorher eine herrliche Rheinfahrt en famille uns alle entzückt hatte, meinen Vater durch seinen unerwarteten Tod. Meine Mutter war zunächst untröstrlich und liess sich in dieser Verfassung bestimmen, zu ihrer Schwester nach St. zu ziehen, die kinderlos verheiratet und in den besten materiellen Verhältnissen lebte. Um einen Halt zu haben, zog meine Mutter für die Tage, die wir noch bis zum August 98 in Wiesbaden verbrachten, eine Nichte meines Vaters zu sich. Durch diese Kusine lernte ich, wie schon im Fragebogen angeführt, die Ausstattung weiblicher Wäschestücke kennen und habe ich damals wiederholt solche Wäsche angelegt. Von jeher hatte ich mehr das Bedürfnis mit weiblichen Freunden zu verkehren denn mit männlichen; nicht aus einem Sinnentrieb, sondern aus gemütlicher Veranlagung heraus. Jedoch war ich hierbei sehr wählerisch. Ich betätigte hier wie bei anderen Gelegenheiten die Abneigung gegen den „Armleutegeruch“, den ich jedoch nicht auf Kreise materieller Armut beschränke.

Nachdem ich dem Wunsch meiner Eltern — zuletzt meiner Mutter —, ich möge Theologie studieren, nicht gefolgt war. wurde mir ein anderes Studium fürs nächste nicht gestattet: ich wurde Kaufmann. Doch wusste ich es nach 2 Jahren durchzusetzen, dass ich meiner Neigung zum Studium folgen und Nationalökonomie studieren durfte.

Während der Studienzeit — vornehmlich in Tübingen — gab ich mich zu wiederholten Malen dem Verkleidungstrieb hin. Ich schaffte mir nach und nach eine vollkommene Damenausstattung an, die sich bis auf das Bett erstreckte, indem ich mit Spitzen und Stickerei versehene Kissenbezüge mein Eigen nannte. Ganz besonderen Wert legte ich auf die Dessous: Hemden von feinem Tuch, Beinkleider in Knieform, in moderner Weite, mit Stickerei, Spitzen und Banddurchzug, Battiströckchen und durchbrochene Strümpfe. Darüber trug ich einen plissierten Unterrock mit Seidenvolant und Lack-Halbschuhe.

Wenn ich in dieser Verkleidung arbeitete, so warf ich über mich einen japanischen Ueberwurf, den ich von meiner Reise mitgebracht hatte. Nebenbei bemerkt, ich führte auch auf der Reise nach Madagaskar und Ost- und Südafrika Damenwäsche bei mir, so wie ich es auch stets auf grösseren oder kleineren Reisen tue. Grund hierfür ist, dass ich mich in den Hotels ungestörter verkleiden kann.

Fragt man mich nach den Beweggründen zu jenem Verhalten, so vermag ich zunächst nur diese Antwort zu geben:

Es geht meiner Auffassung zuwider, dass in der Askese, in der Abkehr vom Triebleben, die Seele grösser wird. Je stärker ich eine sinnliche Seligkeit fühle, um so mehr empfinde ich in deren Herbeiführung geistige Vervollkommnung. Um die Intensität des seelischen Lebens — und der intellektuellen Betätigung — zu steigern, scheint es mir notwendig, das Glück des körperlichen Lebens zu erhöhen. Wurden bislang die Gesetze der Natur entdeckt, so sind es heute die Gesetze der Seele, die wir kennen lernen müssen; dann erst können wir die Gesetze gesellschaftlichen Lebens erkennen und entdecken. Heute handelt es sich immer noch um das Materielle, um den Lebensunterhalt. Wir müssen aber auch lernen, die Ursachen des Leidens fortzuschaffen, das Leben zu verlängern, zu sichern, zu verschönern. Hierfür sind überall Ansätze vorhanden, sie kränken aber alle daran, dass sie erst nur noch Früchte der Vernunft sind. Die tiefste Weisheit liegt aber nicht in unserer Vernunft, sondern in den Empfindungen, die dem bewussten Willen oft entgegengesetzt sind.

„Es wird verständlich sein, wenn ich das Bedürfnis habe, nach einer Darstellung der Zusammenhänge meiner transvestitischen Veranlagung mit der Tätigkeit des Intellekts auch über die Einwirkungen dieses Triebes auf die Gefühlswelt einige analytische Angaben zu machen. Die Zweckmässigkeit einer solchen Ergänzung wird bei mir nachgerade zur Notwendigkeit, da ich in beträchtlichem Umfange unter dem Zwiespalt leide, der daraus entsteht, dass mir die reine Wahrnehmung sinnlicher Erscheinungen getrübt wird durch die sofort hinzutretende Betätigung des Verstandes. Es ist mir nicht möglich, irgend eine Wahrnehmung zu machen, ohne alsbald nach ihrer Entstehung, ihrem ursächlichen Zusammenhang mit den ihr zugrunde liegenden äusserlichen Tatsachen und ihrer Zweckrichtung zu fragen. Ein reiner Sinnengenuss ist damit in den meisten Fällen für mich ausgeschlossen. So suche ich stets, ein Kunstwerk mehr zu verstehen als zu gemessen und es lediglich durch die sinnliche Wahrnehmung auf mich einwirken zu lassen.

Ich neige zu der Ansicht, dass der Grund hierfür nicht in einer Unempfänglichkeit für ästhetische Werte liegt, sondern völlig sekundär entstanden ist aus dem Bedürfnis, über mich nach jeder Richtung ins Klare zu kommen. Notwendigerweise führte dieses Bestreben zu einer Steigerung der Erkenntnistätigkeit, zu einer weitgehenden Anwendung der durch die Logik gebotenen Mittel für eine solche Erkenntnis. Die primär wirkende Ursache sehe ich aber in jener Unausgeglichenheit meines Wesens, die ich wiederum zurückführe auf jene Mischung femininer und männlicher Elemente in der Gefühls- und Willenstätigkeit. Deren äusserer Ausdruck ist schliesslich der Verkleidungstrieb.

Eine bestimmte Zeit, in der meine Geschlechtslust erwachte, vermag ich nicht anzugeben. Die „Aufklärungen“, die ich auf dem üblichen Wege durch Schulkameraden über die organischen Unterschiede der Geschlechter erhielt, weckten nicht so sehr den Geschlechtstrieb als vielmehr die Neugier zum Sehen, zum Kennenlernen, zum Verstehen der Funktionen. Das Ergebnis war, dass ich ungleich grösseres Wohlgefallen am weiblichen Körper fand als an dem männlichen. Schon äusserlich: das Fehlen der Behaarung der Gliedmassen, des Leibes, die etwa vorhandene schöne Formen stark zu beeinträchtigen geeignet ist. Dann die Uebereinstimmung des Haupthaares mit der Fülle und Harmonie der Körperteile: bildet es doch gewissermassen einen natürlichen Mantel. Ferner die Grösse und die Formen der Hände und Füsse, die beim Weibe harmonischer mit dem Leibe in Verbindung stehen als beim Manne; desgleichen die Arme. Weiterhin die Entwicklung des Busens mit jener natürlich-schönen Linie vom Hals zum Leib. Endlich aber war es, wie schon im Fragebogen angedeutet, die Anordnung der Genitalien, die mir den Mann hässlich erscheinen liess. Es liegt etwas Bestialisches in der Ostentativität, mit denen sich die männlichen Organe geltend machen. Ganz besonders in Fällen geschlechtlicher Erregung ist mir der Anblick verletzend. Wie anders beim Weibe, dem ich hierin eine grössere Vollkommenheit als menschliche Wesenserscheinung zuspreche. Alles ist diskret und unauffällig. Es wäre mein Wunsch, schon um dieser Eigenschaften willen, ein Weib zu sein. Es wäre mir eine Freude, meine Genitalien atrophieren lassen zu können.

Auch in der Kleidung äussert sich diese Diskretion: ist doch die männliche Kleidung nur zu geeignet, die Genitalien zur Geltung zu bringen. Wenn man andererseits auch von der weiblichen Kleidung vielfach sagt, sie enthülle mehr statt zu verhüllen, so kommt diese Tatsache doch weit mehr dem gesamten Körper zu Gute, im Gegensatz zum Manne.

Im höchsten Masse widerstrebt es mir, auch nur einen Versuch zu einer Vereinigung mit einem Manne zu machen.

Hinsichtlich der Stärke meiner Geschlechtslust möchte ich noch erwähnen, dass sie am heftigsten und dann kaum meisterbar auftritt, wenn ich längere Zeit mit einer Arbeit beschäftigt war, die alle geistigen Fähigkeiten in Anspruch nahm. Dann treibt es mich weg vom Schreibtisch und den Büchern; mein ganzes Denken erfüllt sich mit sexuellen Vorstellungen. Jedoch nur sehr, sehr selten bietet sich mir zu solch’ geeigneter Zeit eine Gelegenheit. Denn ich habe einen unüberwindlichen Abscheu vor Prostituierten und gewinne es nicht über mich, solche aufzusuchen. Anderweitigen Verkehr habe ich nicht; zudem möchte es dabei schwer fallen, ein Mädchen zu finden, dass meiner Veranlagung Verständnis entgegenbringen würde. Aehnlich liegt es in Rücksicht auf die Erörterung der Möglichkeit einer Heirat.“

Anmerkungen

Vater am 04. April 1898 in Wiesbaden verstorben, ca. 1854 geboren, Alter bei Tod 44 Jahre.

Quellen

Magnus Hirschfeld: Die Transvestiten, 1910, Fall 17, S. 138-158