O. (Hirschfeld 16)

Wann erwähnt: 1910

Namen(n): M: O. / W:

Lebensdaten: 1881-03-10 in K. (Ostpreußen) geboren

Beruf: Schlosser

Ort(e): Berlin, auf See, New York, San Francisco, 1902 wieder Deutschland, Militär, 1905 Berlin

Fallbeschreibung

Originaltext Hirschfeld

Fall XVI.

Ende August 09 suchte mich die Ehefrau des Schlossers O. auf; sie wusste sich keinen Rat mehr, da ihr Mann, mit dem sie sonst in glücklicher Ehe lebt, erklärt hatte, er würde seinem Leben ein Ende bereiten, wenn er nicht seinen Wunsch, in Frauenkleidern zu leben und zu arbeiten, verwirklichen könne. Der etwa 24iährige Mann, der sich mir zunächst in Männerkleidern vorstellte, machte einen sehr deprimierten Eindruck. Er ist offenbar vollkommen von dem Gedanken beherrscht, seinem inneren Weibempfinden einen äusseren Ausdruck geben zu dürfen. Aus seiner Lebensbeschreibung, die er auf meine Aufforderung anfertigte, sei das Wesentlichste wiedergegeben.

„Ich wurde am 10. März des Jahres 1881 zu K. in Ostpreussen als uneheliches Kind der ehelichen Tochter Marie D. des Arbeiters Johann D. geboren. Mein Grossvater, bei dem ich aufwuchs, stand zu der Zeit in den 40er Jahren. Seiner Ehe entsprossen 4 Kinder weiblichen Geschlechts, wovon 2, meine Mutter und noch eine Schwester, am Leben blieben. Meine Grossmutter habe ich kaum gekannt; als ich 2 Jahre alt war, ist sie gestorben. Nach Aussage meiner Mutter soll ich ein sehr schwächliches Kind gewesen sein. Später habe ich mich aber ganz gut entwickelt, soll mit 2 Jahren schon alles gesprochen haben und schon früh allein gelaufen sein. Ich soll sehr schönes Haar gehabt haben, welches meine Mutter mir lang wachsen liess, so dass es bis auf die Schulter hing. Es soll auffallend hell gewesen sein. Selbst kann ich mich darauf nicht besinnen, da ich nur bis zu meinem 4. Lebensjahre zurückdenken kann. Wie ich später von Bekannten gehört habe, soll ich einen sehr mädchenhaften Eindruck gemacht haben, sodass Mutter mir deshalb die Haare ganz kurz schneiden liess. Ferner soll ich einen sehr aufgeweckten Verstand für alles gezeigt, mich aber sehr gesträubt haben, mit anderen Kindern meines Geschlechts zu spielen. Ich soll dann scheu in irgend eine Ecke gelaufen sein, wo ich s undenlang mit irgend einem Spielzeug für mich allein gesessen habe. Soweit ich mich entsinnen kann, habe ich eine grosse Furcht vor meiner Mutter gehabt; sie verstand es nicht, nur Liebe zu sich einzuflössen. Da der Verdienst meines Grossvaters nur ein geringer und er auch öfters krank ans Haus gefesselt war, mag meine Mutter Sorgen und Kummer genug gehabt haben, so dass sie mir nicht die Aufmerksamkeit zu Teil werden lassen konnte, die sie anderenfalls für mich auf gewendet hätte. Mein Grossvater mochte mich auch nicht gut leiden, da ich nach seiner Aussprache die Schande seiner Tochter und nur zum Unglück auf der Welt war. So bin ich denn ohne rechte Liebe und Aufmerksamkeit aufgewachsen, was auch viel dazu beitragen mag, dass ich etwas menschenscheu geworden bin und auch bis heute kein grosses Zutrauen zu fremden Menschen gewinnen kann. Wunder und Geistererscheinungen, überhaupt alles Uebersinnliche lässt mich kalt, da ich daran nicht glaube und mir diesbezüglich auch noch nichts begegnet ist, was meine Meinung ändern könnte.

Ich bin auf dem Lande in sehr beschränkten Anschauungen aufgewachsen. Zeitungen waren bei uns Luxusartikel, die sich die unbemittelte Klasse nicht leisten konnte. Daher kann ich es meiner Mutter auch nicht verdenken, die niemals über die Grenzen ihrer Vaterstadt hinausgekommen war. wenn sie von Dingen, die sich im Leben öfter abspielen, bis auf den heutigen Tag kein Verständnis hat; denn wer einmal m kleinen Anschauungen alt geworden ist, der kann sich für Ungewöhnliches und Neues, welcher Art es sein mag nicht mehr erwärmen. Und wenn ich vor meine Mutter jetzt in Frauenkleidung hintreten und ihr sagen würde: Nur so fühle ich mich wohl! Ich will fortan nur als Weib leben, so würde sie mir einfach antworten, dass ich reif für ein Irrenhaus sei; ob sie mich dazu erzogen hätte, ihr solche Schande zu machen u. dgl. m. Da würde alle Ueberzeugungskunst nichts nützen und der beste Redner, der sonst Herzen im Sturm erobert, würde hoffnungslos wieder abziehen müssen. So tief sind die Vorurteile bei Leuten, die in ihrer Jugend nicht die richtige Aufklärung erhalten haben, eingewurzelt.

Im April des Jahres 1887, im Alter von 6 Jahren, begann für mich der Schulbesuch in der katholischen Knabenschule. Vor diesem ersten Tage habe ich mich gefürchtet, aus welchem Grunde vermag ich nicht anzugeben. Ich weiss nur, dass ich mich fürchterlich gesträubt habe und davongelaufen wäre, wenn mich der Lehrer nicht mit Süssigkeiten beschenkt hätte. Schon als Kind schwärmte ich sehr für Süssigkeiten, was bis auf den heutigen Tag beigeblieben ist. Ich hatte vor den anderen Knaben grosse Furcht. Allmählig gewöhnte ich mich aber daran und da der Lehrer auch sehr nett und freundlich zu mir war, so gefiel es mir schliesslich ganz gut. Da ich für mein Alter ein sehr geweckter Junge war, so kam ich über die ersten Anfangsgründe des A-B-C spielend hinweg. Es waren im ganzen in der Schule 4 Klassen eingerichtet, von welcher in jeder die Schüler 2 Jahre verblieben. Leider aber wurden an uns Schüler keine zu grossen Anforderungen gestellt und es tut mir heute noch leid, dass mir in meiner Jugend nicht mehr zu lernen geboten wurde. Ausser Lesen, Schreiben, Rechnen, biblische Geschichte und etwas Geographie wurde in keinem anderen Fache unterrichtet. Infolge meiner Auffassungsgabe blieb ich in jeder Klasse nur ein Jahr, sodass ich mit 10 Jahren schon in die erste Klasse aufrückte. Leider war dies für mich keine grosse Freude, weil ich als kleiner Bursche viel von den grossen bald vierzehnjährigen Jungen zu leiden hatte. Ich wurde viel verspottet wegen meines Charakters, des öfteren auch geprügelt, was ich später dadurch verhinderte, dass ich gewissermassen das Lexikon der übrigen Schüler wurde. Da ich ausser schriftlichen Arbeiten überhaupt keine Schularbeiten zu machen brauchte, so habe ich nur für andere gearbeitet, was mir mein Leben erträglicher gestaltete. In dieser Zeit kam mir auch das Bewusstsein, dass ich anders war, als die übrigen Kameraden. Ich wusste es mir aber nicht zu erklären. Meine unüberwindliche Abneigung für alle Knaben und deren Gebahren liess mich zu der Ueberzeugung kommen, dass ich nicht zu ihnen gehöre und ich hatte nie Lust, nach den Schulstunden auf die Strasse zu gehen, sondern blieb lieber zu Hause. Geschwister hatte ich damals keine und so war ich auf mich allein angewiesen. Dies war meiner Mutter sehr recht. Sie beschäftigte mich dann mit häuslichen Arbeiten, ging halbe Tage lang fort, wobei sie mich jedoch einschloss mit dem Bemerken, dass niemand zu mir hereinkommen solle.

Schon damals hatte ich eine grosse Vorliebe für die Kleider meiner Mutter und eine grosse Sehnsucht in mir, dieselben zu besitzen. Darum kam mir das Alleinsein sehr gelegen. Sobald meine Mutter fort war, hatte ich flugs deren Rock und Bluse angezogen. Auch eine Schürze durfte nicht fehlen, und so geschmückt machte ich mich über die aufgetragenen Arbeiten her und fühlte mich glückselig. Leider musste ich mich vor meiner Mutter in Acht nehmen. Da sie sehr streng war, hatte ich Furcht, da ich Schläge bekommen hätte, wenn sie mich so erblickte. Zu fragen getraute ich mich auch nicht; denn ich wusste nicht, wie ich mich ausdrücken sollte, und schliesslich hätte sie mich auch nicht verstanden. Nebenbei will ich noch bemerken, dass meine Mutter ihre Kleider meist selbst angefertigt hat und da es ihr an einer Büste, wie die Schneiderinnen haben, fehlte, hat sie alles auf mir zusammengesteckt und geheftet.

Später zogen wir zur Stadt. Hier hatte ich nun Gelegenheit, mit mehr Kindern zusammen zu kommen, was zur Folge hatte, dass ich mir nur Mädchen zum Spielen suchte, die mich auch ganz gerne leiden mochten. Da fragte ich mich denn oft, warum die Mädchen andere Kleider trugen wie ich. Und da ich für Röcke mehr Geschmack hatte als für meine Hosen, so war ich höchst unglücklich darüber, dass ich keine Röcke tragen durfte. Einmal wagte ich doch meine Mutter zu fragen, ob ich nicht auch Röcke tragen dürfe wie die Mädchen, worauf ich die barsche Antwort bekam, ich sei ein Junge und solle nicht solche dumme Reden führen. Damit musste ich mich begnügen und wagte mich mit dieser Frage an Niemand wieder heran. Mein häufiges Zusammensein und Spielen mit Mädchen fiel bald auf und trug mir viel Spott und komische Bemerkungen ein. Auch ein Spottname wurde mir beigelegt; nämlich Mädchenvater. Ach, wie gerne hätte ich mich verspotten lassen, wenn ich nur meine geliebten Röcke bekommen hätte. So fühlte ich mich aber höchst unglücklich. Wenn ich alle Arbeiten, die mir aufgetragen waren, erledigt hatte, blieb mir noch viel freie Zeit. Da mir der Umgang mit Mädchen sehr verleidet wurde, so suchte ich mir Bücher zu verschaffen. Um mein Tun bekümmerte sich niemand und so wurde das Lesen bald zu einer Leidenschaft bei mir, sodass ich alles mit einem wahren Heisshunger verschlang, was mir nur unter die Hände kam. Grösstenteils waren es Indianergeschichten und Schauerromane, die ich mit Vorliebe las. U. a. kam mir auch ein Buch in die Hände, dessen Verfasser und Titel ich nicht mehr weiss, doch der Inhalt wird mir unvergesslich bleiben. Es handelte von einem Manne, der wegen eines Vergehens mit Gefängnis bestraft wurde, dann aber floh und, um nicht gekannt zu werden, sich Frauenkleider verschaffte, die er bis zu seinem Tode getragen hat. Dieser Mann wurde nun mein Ideal und mit einer glücklichen Phantasie malte ich mir Bilder aus, in denen ich ihn nachahmte. So vergingen die Jahre und mein ganzes Sinnen und Trachten ging dahin, wie ich mir später Röcke verschaffen könnte, um als Mädchen zu leben. Mittlererweile wurde ich 12 Jahre alt und da ich von gesittetem Benehmen war, ausersehen, den katholischen Priestern zur Messe zu dienen. Hier muss ich einschalten, dass ich die katholischen Priester wegen ihrer Kleidung als Frauen betrachtete. Ich schwärmte dafür, auch ein Priester zu werden, da ich dann öffentlich solche langen Talare und darunter die schönsten Spitzenunterröcke tragen dürfte; denn der Talar würde alles verdecken.

So wurden meine Gedanken hin- und hergeworfen, nur in dem einen gipfelnd, wie ich mir auf die eine oder andere Art Röcke verschaffen könnte. Als ich 14 Jahre alt geworden, wurde ich aus der Schule entlassen. Es trat jetzt die Frage an mich heran, welchen Beruf ich ergreifen sollte. Ich hatte grosse Lust zur Schneiderei, weil ich mir sagte, da kannst du immer in Röcken gehen, da man für sich alleine arbeiten kann, ohne mit vielen Menschen in Berührung zu kommen. Aber meine Mutter hatte anderes mit mir im Sinn. Da wir oft mit des Lebens Sorge und um das tägliche Brot zu kämpfen hatten, so sah meine Mutter nur auf Gelderwerb und hat mir sehr viel vorgeredet, das Schlosserhandwerk zu erlernen, da ich dann viel Geld verdiene und schon als Lehrjunge welches bekomme. Ich wars schliesslich zufrieden, aber nur weil ich hoffte, mir später für mein verdientes Geld Röcke zu kaufen, um als Frau leben zu können. So kam ich denn in eine Fabrik, wo ich 4 Jahre lernen musste. Im ersten Lehrjahre bekam ich 3.—, im zweiten 4.—, im dritten 5.— und im vierten 6.— M. pro Woche. Das Geld kam meiner Mutter in der Wirtschaft gut zu statten.

Das erste Lehrjahr verlief ohne Störungen, da mir nichts weiter übrig blieb, als mich dem Zwange zu fügen. Die Arbeit fiel mir sehr schwer. Wir waren im ganzen etwa 16 Lehrlinge. Ich war der jüngste und schwächste unter ihnen und hatte viel von den anderen zu leiden. Da die Arbeit früh morgens um 6 Uhr begann und bis abends 1/2 7 Uhr dauerte, musste ich schon um 5 Uhr aufstehen. Davon ging eine halbe Stunde Frühstück, eine Stunde Mittag und eine halbe Stunde Nachmittagkaffee ab. Mithin verblieben 11 Stunden Arbeitszeit. Da ich gut begriff, lernte ich leicht, fühlte mich aber in dieser Zeit sehr unglücklich. Ich war des Abende immer sehr müde und schlief deshalb meistens gleich ein, sobald ich mich zu Bett gelegt hatte. Ich träumte dann oft, ich wäre in einem schönen Hause mit vielen Mädchen zusammen und hätte die schönsten Kleider an, würd e mit einem Mädchennamen gerufen und von einer fremden Frau sehr lieb behandelt. Leider weckte mich aus diesen Träumen viel zu früh die Stimme meiner Mutter, die mich zur Arbeit rief Ich war dann oft ganz verstört und wusste nicht, wo ich mich befand. Auch litt ich schon während meiner Kindheit an einer Art von Ohnmachtsanfällen, die während meiner Lehrzeit sehr häufig auftraten. Sobald ich aufgestanden war, fühlte ich einen Schwindel, sodass ich mich sofort setzen musste, um nicht hinzufallen. Ich legte mich dann hin und mir schwand das Bewusstsein. So lag ich dann manchmal bis 20 Minuten. Meine Mutter war das schon gewöhnt; wenn sie dann hereinkam und mich so liegend fand, holte sie Essig, rieb mir die Schläfe ein, wonach ich dann aufwachte, mich anzog und zur Arbeit ging. Ich fühlte mich aber den ganzen Tag nicht richtig wohl. Einen Arzt hat meine Mutter nie zu Rate gezogen, weil sie kein Geld dafür übrig hatte.

In dieser Zeit kam mir einmal ein Stück Zeitung in die Hände, in der ein kleiner Artikel stand, dass in der benachbarten Stadt A. eines Tages eine Frau gesehen worden sei, die einen langen Vollbart trug. Wie es sich dann herausstellte, war es ein Mann, dem es wegen eines Bruchleidens erlaubt war, Röcke zu tragen. Von dem Tage ab hatte ich keine Ruhe mehr. Ich wollte den Mann sehen und eines Tages war ich verschwunden; es war gerade ein Sonntag. Ohne einen Pfennig Geld, nur mit einer Stulle versehen, machte ich mich auf den Weg nach A. Leider kam ich nicht so weit; denn als ich die erste Nacht im Freien zugebracht batte, fing mich der Hunger an zu plagen und da auch die Füsse wund geworden waren, war ich ganz verzweifelt. So fand mich ein Bauer, nahm mich mit in sein Haus, gab mir zu essen und zu trinken und da er gerade in meiner Heimatstadt zu tun hatte, nahm er mich mit und lieferte mich bei meiner Mutter ab. Ich war ein paar Tage zu Hause bis meine Füsse gesund waren, dann ging es wieder zur Fabrik. Dort wurde ich gerade nicht sehr freundlich empfangen. Ausser ein paar Ohrfeigen erhielt ich eine Masse Scheltworte und musste dann wieder an die verhasste Arbeit. Meine Mutter trug mir dieses auch sehr nach, sie war in dieser Zeit überhaupt sehr erregbar, da sie bald darauf von einem Mädchen, ebenfalls ausser der Ehe, entbunden wurde. Ich habe mich viel mit meiner kleinen Schwester abgegeben, sie verwartet und trocken gelegt, was ich immer sehr gerne tat. Dabei bemerkte ich auch, dass meine Schwester anders gebaut war wie ich und erhielt von meiner Mutter die Erklärung, das sei ein Mädchen. Da habe ich dann oft im Stillen meine Geschlechtsteile weggewünscht, weil sie das einzige Hindernis waren, dass ich keine Röcke tragen durfte. Meine Schwester wurde von meiner Mutter abgöttisch geliebt. Ich dagegen fühlte eine kleine Abneigung gegen sie, weil sie ein Mädchen war und meine Mutter sie lieber hatte als wie mich, was sich aber mit der Zeit legte. So kam allmählich das Ende meiner Lehrzeit heran.

Mit 18 Jahren wurde ich Schlossergeselle. Weil ich ein geschickter Arbeiter war, behielt mich mein Chef sehr gern und ich verdiente 12 Mark pro Woche, was nach den dortigen Lohnsätzen und als eben ausgelernter Geselle ein sehr guter Verdienst war. Da ich meinen ganzen Verdienst abgeben musste und meine Mutter mir ein kleines Taschengeld bewilligte, so dauerte es ziemlich lange, bis ich so viel zusammen hatte, um reisen zu können. Da ich nun aber, wie schon erwähnt, viel gelesen hatte, wollte ich in andere Länder reisen, vielleicht dass es mir da glückte, mir Röcke zu verschaffen. Und so fuhr ich denn eines Tages nach Berlin. Ich bekam hier auch bald Arbeit und einen Lohn, den ich mir nie hatte träumen lassen, nämlich 24 Mark pro Woche. Jetzt dachte ich, könnte ich mir alles kaufen, was ich möchte. Die Eindrücke von Berlin waren auf meine Natur zu gross, um vieles gründlich zu sehen und zu lernen, schliesslich geriet ich in schlechte Hände von Leuten, die mich durch Leichtsinn um meinen ganzen Verdienst brachten. Damals kam ich oft mit Seeleuten zusammen, wenigstens gaben sich viele dafür aus, und die Bilder, die sie mir vormalten, übten auf meinen Geist eine grosse Wirkung aus. Ich beschloss, ebenfalls zur See zu gehen. Auch reizte mich das viele Geld, was ich da verdienen würde. Ich fuhr nach Bremerhaven und wurde als Kohlenzieher an Bord des Schnelldampfers Kaiser Wilhelm der Grosse gemunstert. Die Reise ging nach New- York. Unterwegs wurde ich seekrank und wünschte zu sterben. Ich wurde aber bald nachdem wir in den Hafen kamen, gesund. Dort überredeten mich mehrere von meinen Kameraden, zu entfliehen und in Amerika zu bleiben. Ich bekam von New-York aus eine Stellung als Donkeymann auf einem Segelschiff nach Westindien. Hier war ich ca. vierzehn Monate an Bord, wo ich auch kochen leinte. Ueberhaupt gefiel es mir, dass man an Bord viele Arbeiten verrichten muss, die an Land nur die Frauen machen. a ich mich durch meine Veranlagung zu solchen Arbeiten hin gezogen fühle, so habe ich oft manche Arbeit für meine Kollegen verrichtet, die dazu keine Lust hatten. Auf die Dauer aber sagte mir dies Leben nicht zu; denn die Sehn sucht nach Frauenkleidern wurde in mir immer stärker. Ich beschloss daher, sobald ich an Land käme, mir Röcke zu kaufen und als Frau zu gehen. Leider bin ich aber nicht dazu gekommen. Da ich sehr gutmütig bin, fand ich immer Freunde, die mich auf die eine oder andere Art um mein Geld brachten. Auf meinen Reisen kam ich auch nach San Franzisko und hier habe ich auch den ersten Mann in Frauenkleidern gesehen. Wenigstens wurde mir bedeutet, es sei ein Mann. Ich bin nicht dazu gekommen, mit ihm zu sprechen. Wie gern hätte ich mich ihm angeschlossen, um von ihm zu erfahren, wie man es anstellen müsse, um Röcke tragen zu dürfen.

Im Jahre 1902 kam ich nach Deutschland zurück und wurde sogleich zum Militär ausgehoben. Trotzdem ich überhaupt keine Lust verspürte Soldat zu werden, musste ich dienen, und da ich zur See gewesen, kam ich zur Marine und zwar als Heizer zu der Torpedo-Division. Im allgemeinen war meine Führung gut, nur konnte ich mich für die militärische Disziplin nicht recht begeistern, was mir einige Strafen wegen Widersetzlichkeit eintrug. Wie beneidete ich da die Frauen, die Röcke tragen durften und wie oft habe ich mein Schicksal verwünscht, dass ich als Mann auf die Welt gekommen bin. 1905 wurde ich entlassen und kam nach Berlin. Ich bekam auch bald Arbeit bei einem Schlossermeister. Da mir aber immer keine Gelegenheit kam, Röcke zu tragen, ich auch keine Freude an Vergnügungen hatte, trug ich mich viel mit Selbstmordgedanken. Dieselben kamen jedoch nie zur Ausführung, da ich den Gedanken nicht los werden konnte, mich schliesslich unnötig tot zu machen, denn es könnte doch noch einmal kommen, dass ich Röcke tragen dürfte. Wenn ich den definitiven Bescheid bekäme dass mir niemals das Glück, Röcke zu tragen, zuteil werden dürfe, so würde mein Leben unbedingt mir werfen, weil es dann für mich absolut keinen Wert mehr hat. Dieses so nicht etwa eine Drohung sein, wie mancher meinen würde, sondern es ist mein vollständiger Ernst. Ohne Röcke ist mir das Leben vollständig vergällt!

Die weibliche Kleidung ist bei mir die Hauptsache. Das Leben hat allen Reiz für mich verloren verloren, wenn ich keine Röcke tragen darf. Ich würde mich vor Glück kaum zu fassen wissen, wenn mir dieser einzige Wunsch, den ich habe, erfüllt werde. Obgleich ich ganz gerne Schmuck haben möchte, bevorzuge ich ganz einfache Kleidung, wie sie jede anständige Frau heutzutage trägt.

Ich kam zu dem Entschluss, mich zu verheiraten. Ich dachte hast du eine Frau, kann es vielleicht anders werden. Da ich keine Vergnügungen aufsuchte, sah ich mich genötigt, von der Zeitung Gebrauch zu machen. Die Antworten, die ich bekam, sagten mir aber nicht zu. Da lernte ich durch einen Bekannten meine Frau kennen. Wir sahen uns öfter und ich fasste eine grosse Zuneigung zu ihr, sodass ich beschloss sie zu heiraten. Sie war damit einverstanden und im April 1906 gingen wir die Ehe ein. Anfangs getraute ich mich nicht, meiner Frau zu sagen, was mich stets bedrückte aber da sie einen guten Charakter besitzt, ich mir auch meinen Ehemann bewusst bin und ihnen nachkomme, so enthüllte ich ihr eines Tages mein ganzes Leben. Sie war zwar sehr erstaunt darüber, aber schliesslich gewillt, mich meine Röcke tragen zu lassen. Auch wollte sie nach besten Kräften mir dazu verhelfen. Meine Frau liebe ich mit ganzem Herzen, da sie das einzige Wesen ist, das mir Liebe entgegenbringt, wie sie mir noch von keiner Seite zuteil wurde Ganz ausgeschlossen ist die Liebe von oder zu einer männlichen Person.

Der Geschlechtstrieb ist bei mir nicht so gross; wenn ich keine Röcke anhabe, verspüre ich jetzt überhaupt keinen mehr. Ich verkehre nur auf Verlangen mit meiner Frau alle 6 bis 8 Wochen einmal. Sonst leben wir sehr zufrieden, auch hat es meine Frau sehr gut bei mir; denn ich besorge fast alle häuslichen Arbeiten. Meine Frau gebar auch ein Kind männlichen Geschlechts, das aber nach Aussage der Aerzte nicht lebensfähig war.

Leider hat mich meine weibliche Veranlagung auch oft in pekuniäre Verlegenheiten gebracht. Da die Sucht nach Röcken in mir sehr gross ist, nützt es fast garnichts, wenn ich mich nach des Tages Arbeit anziehen kann. Ich kann in letzter Zeit ohne Unterrock nicht mehr einschlafen und wenn ich dann morgens aufstehe und zur Arbeit gehen soll, so ist es mir oft unmöglich, den Unterrock auszuziehen. Es ist eine Gewalt in mir, der ich nicht widerstehen kann. Dieses stete Ankämpfen gegen eine Gewalt hat meine Nerven schon sehr zerrüttet. Da ich nur auf den Verdienst von meiner Hände Arbeit angewiesen bin, so muss ich mich mit grösser Gewalt beherrschen und zur Arbeit gehen. Dann kommt es plötzlich wie ein Sturm über mich, meinen Nerven versagt die Kraft und ich muss meine Arbeit versäumen und zu Hause bleiben, was mir sehr oft den Verlust der Arbeit gekostet hat, da bei den heutigen Arbeitsverhältnissen genug Kräfte vorhanden sind. Und so haben wir dann oft mit bittrer Not zu kämpfen, da Arbeitsuchen auch für den geschicktesten Arbeiter heutzutage immer lange dauert. Wie gerne wollte ich die schwersten Arbeiten verrichten, ja ich könnte Tag und Nacht arbeiten, wenn ich mich nicht von meinen geliebten Röcken zu trennen brauchte. Da ich nun, wenn ich arbeite, ganz gutes Geld verdiene, aber kein Trinker bin und nur etwas rauche, so kaufe ich mir oft recht schöne Sachen. Ich gebe leichter 1 oder 2 Mark für eine Schürze aus, als wie 10 oder 20 Pfennige für ein Glas Bier. Aber was nützen mir alle schönen Kleider, wenn ich sie nicht tragen darf! Wenn ich permanent Röcke tragen dürfte und mich äusserlich durch die Kleider vor anderen Frauen nicht zurückgesetzt zu fühlen brauchte, würde mein ganzes Leben eine heitere Wendung nehmen.

Möchte sich doch der liebe Gott erbarmen und mir zu Röcken verhelfen oder mich aus diesem Leben abrufen, denn ich fühle es wenn mir nicht geholfen wird, gehe ich daran zu Grunde.“

O. ist ca. 1,78 gross, schlank, wiegt 136 Pfund, mittelkräftig, Muskulatur weich, Haut rein, Hände und Füsse klein und zierlicher als dem Körperbau entspricht. Bartwuchs angeblich gering; er trägt keinen Bart, das blonde Haupthaar ist sehr weich. Der Gesichtsausdruck ist nicht ausgesprochen männlich, aber auch nicht auffallend feminin. Als er mich ein zweites Mal in seiner weiblichen Kleidung aufsuchte, machte er vollkommen den Eindruck einer gut bürgerlich gekleideten Frau. Seine ihn begleitende Ehefrau, die in rührender Weise an ihm hängt, sieht allerdings viel einfacher als er selber aus. Er ist den fast einstündigen weiten Weg in der elektrischen Bahn zu mir gekommen, ohne dass er irgend welches Aufsehen erregt hätte.

Anmerkungen

Erwähnt einen Fall in der Zeitung, ca. 1895: „in der ein kleiner Artikel stand, dass in der benachbarten Stadt A. eines Tages eine Frau gesehen worden sei, die einen langen Vollbart trug. Wie es sich dann herausstellte, war es ein Mann, dem es wegen eines Bruchleidens erlaubt war, Röcke zu tragen.“

Quellen

Magnus Hirschfeld: Die Transvestiten, 1910, Fall 16, S. 127-138