2009 startete ich zum allerersten Mal bei einem Triathlon. Als transsexuelle Frau war das für mich ein besonderes Erlebnis. Und es gab eine negative Reaktion, die mich zu der Frage gebracht hat, ob ich als Transfrau  im Triathlon (oder im Sport allgemein) körperliche Vorteile habe.

Verletzende Reaktion

„Mit dir messe ich mich sowieso nicht“ — diese verletzenden Worte sagte mir eine befreundete Triathletin nach meinem ersten Wettkampf. Vorher hatte ich vermutet, dass sie besser als ich abschneiden würde. Sie konnte schneller schwimmen und fuhr deutlich besser mit dem Rad bergauf. Als wir dann aber im gleichen Rennen antraten, überholte ich sie schon auf der ersten Hälfte der Radstrecke. Als ich sie grüßte, war sie deutlich überrascht.

Ein kleiner Triathlon: Schwimmstart
Ein kleiner Triathlon: Schwimmstart

Hintergrund ihrer Worte war natürlich meine Transsexualität – die männliche Vergangenheit meines Körpers. Nach landläufiger Meinung verschafft sie mir ja angeblich deutliche Vorteile.

Ich kann doch aber auch nicht bei den Männern antreten! Ich bin eine Frau! Mein Körper hat sich mit der Zeit verändert.

Auch selbst fragte ich mich, inwieweit ich gegenüber anderen bevorteilt bin. Immerhin hatte ich in meinem ersten Triathlonjahr ganz gute Ergebnisse erzielen können, und auch in den Folgejahren war ich durchaus erfolgreich unterwegs.

Vor- und Nachteile als Transfrau im Triathlon

Ganz sachlich will ich mal überlegen, welche Vor- und Nachteile ich — individuell — gegenüber „normalen“ Frauen habe.

Muskeln, Skelett, Hormone

Sehr oft werden natürlich Muskulatur und Skelett als Vorteile aufgeführt.

In der Tat hat sich mein Skelett ja sicherlich in den ersten 27 Jahren meines Lebens männlich entwickelt. Es dürfte allerdings kein besonders kräftiges Skelett geworden sein, ich war früher immer eher schmal und nicht kräftig. Geringer Vorteil.

Unter männlichen Hormonen (also v.a. Testosteron) baut der Körper sehr viel schneller Muskeln auf als unter weiblichen (v.a. Östrogen). Deshalb sind Männer im Durchschnitt deutlich muskulöser als Frauen. Mit der hormonellen Umstellung verschob sich mein Hormonhaushalt jedoch in den weiblichen Bereich. Spätestens seit der geschlechtsangleichenden Operation ist mein Körper auch nicht mehr in der Lage, männliche Hormone in relevanten Mengen herzustellen. Das bedeutet also, dass ich durch die Umstellung zunächst deutlich an Muskulatur abgebaut haben dürfte. Allenfalls ein geringer Vorteil.

Letzteres könnte sogar ein Nachteil sein: Mein Testosteronspiegel ist durch die hohen Trainingsumfänge äußerst niedrig, niedriger als er bei Frauen normalerweise ist. D.h. ich kann schwerer Muskeln aufbauen als sie.

Unsportliche Vergangenheit, Ausdauer als Talent

Hier kommt nun aber ein anderer Aspekt in Spiel: Ich war immer extrem unsportlich. Als Kind war ich dürr und schmächtig, im Schulsport war ich erheblich schlechter als in allen anderen Fächern. In meiner Jugend habe ich mal für kurze Zeit Schach gespielt (unter sportlichen Aspekten eher witzlos) und für ein Jahr Kanufahren probiert. Dafür hatte ich aber definitiv zu wenig Muskulatur in den Armen. Liegestütze oder gar Klimmzüge waren überhaupt nicht drin. Viele der Mädels hingegen, die ich im Triathlon kennengelernt habe, waren schon immer sportlich. Daher: Eher ein Nachteil

Die einzige Beschäftigung, die rückblickend unter sportlichen Aspekten eine Rolle gespielt haben kann, ist Radfahren. Ich bin — wie viele Kinder — seit meiner Kindheit im Alltag Rad gefahren. Erst in der Freizeit, später auch auf dem Schulweg. Sehr schnell war ich dabei aber nie, meine Ausdauer dürfte das jedoch entwickelt haben. Mit dem Ende der Schulzeit war das Thema Fahrrad dann aber weitgehend erledigt. Erst 10 Jahre später fing ich wieder mit etwas Radfahren an, der Zeitraum fällt in den beginnenden Rollenwechsel. Hinsichtlich der Muskulatur war da garantiert nichts mehr übrig, und von der Ausdauer war höchstens ein Talent oder die Fähigkeit zur Entwicklung einer Ausdauer geblieben. Vielleicht ein Vorteil

Wenn ich also ein Ausdauertalent habe, was ich vermute, ist das einfach Glück und ein gegebener Vorteil gegenüber anderen. So wie Blanka Vlašic bei 1,93 Meter Körpergröße einen Vorteil gegenüber anderen Hochspringerinnen hat, die kleiner sind. Auf diesen Vorteilen und Talenten beruhen ja die übergroße Zahl der Erfolg aller Sportler, die sich in ihrer Disziplin hervortun. Kein Vorteil

Größe und Gewicht

Dass ich selbst 1,80 Meter groß bin, betrachte ich nicht als Vorteil. Ich kenne genug Frauen in meinem Umfeld, die ebenfalls groß sind. — Kein Vorteil

Ich bin etwa 10 Kilogramm schwerer als Frauen, die ähnlich groß und ähnlich von der Figur sind. Beim Laufen und beim Radfahren bergauf ist das ein Nachteil, weil die Bewegung dieser Masse zusätzliche Kraft und Energie erfordert. Und da ich, als ich mit dem Sport angefangen habe, keine sportliche Grundlage hatte, dürften die Kilos auch eher aus Fett bestehen. Eher ein Nachteil

Trainingsumfang

Für meine Erfolge habe ich viel trainiert. In den letzten Jahren sind immer 500-600 Stunden Trainings zusammengekommen, das sind 10-12 Stunden pro Woche. Ausdauersport ist sehr ehrlich: Das, was man „investiert“, bekommt man auch wieder heraus. Wenn man viel trainiert, wird man meistens auch gute Ergebnisse einfahren. Und das ist ganz unabhängig von Geschlecht und Alter usw. Kein Vorteil

Fazit

Wenn ich all das zusammenzähle, mag ein kleiner Vorteil herauskommen, aber ganz bestimmt kein erheblicher. Das zeigt sich im übrigen auch daran, dass genug Frauen schneller sind, und andererseits viele Männer langsamer.