In diesem Text möchte ich von meinen Erfahrungen in Sachen Passing im Sport (insbesondere Ausdauersport und Triathlon) berichten. 

Ein Begriff, der im Umgang mit transsexuellen Menschen recht oft auftaucht, ist das sogenannte „Passing“. Es stammt vom englischen „to pass“, was man hier mit „bestehen“ übersetzen kann („to pass a test“ – eine Prüfung bestehen).

Gemeint ist damit das Nichterkanntwerden als transsexuelle Frau (oder im umgekehrten Fall als transsexueller Mann). Ich möchte vor meinen Mitmenschen als Frau „bestehen“. Man soll mir meine Vergangenheit nicht so schnell ansehen und mich als Frau wahrnehmen. Ich bestehe quasi den Test, ob ich wie eine Frau wirke und als solche „durchgehe“. Das geht im übrigen über das Aussehen deutlich hinaus. Wenn ich ein gutes „Passing“ habe, kann ich mich unter den Menschen bewegen und werde als Frau wahrgenommen. Ist mein „Passing“ hingegen schlecht, falle ich auf: Meine Mitmenschen merken, dass etwas nicht stimmt mit der Frau, die sie da sehen. Sie werfen einen zweiten Blick auf mich, oder glotzen gar. Sie ahnen oder sehen die männliche Vergangenheit.

Im Nebel
Im Nebel

Der Wunsch nach Normalität

So gut wie alle transsexuellen Menschen, denen ich je begegnet bin, waren um ein möglichst gutes Passing bemüht. Sie alle wünschen sich Normalität. D.h. sie wollen ihr Leben als Frau oder Mann leben, ohne dass man ihnen gleich ansieht, dass sie eine besondere Vergangenheit haben. Leichter ist das übrigens für transsexuelle Männer, denn mit Bartwuchs und tiefer Stimme werden sie meist eindeutig als Mann identifiziert. Der umgekehrte Fall ist schwieriger — eine große Frau mit markanten Gesichtszügen, schmaler Hüfe, breiten Schultern und tiefer Stimme weckt Zweifel.

Naturgemäß ist es mit dem Passing beim einmaligen Besuch beim Bäcker oder an der Tankstelle einfacher als im Büro, wo man jeden Tag unter den gleichen Leuten ist und sich besser kennenlernt. Nochmal etwas ganz anderes ist das Thema Passing allerdings beim Sport, wie ich dieses Jahr erfahren habe. Dabei kam so manche Angst zu Tage, die ich schon länger nicht mehr gespürt hatte.

Körperliche Eigenheiten

Als transsexuelle Frau gibt es ein paar körperliche Eigenheiten, die in der Summe andere stutzig machen können:

  • Ohne Make-up kann das Gesicht kantig wirken, eventuell gibt es Reste eines Bartschattens.
  • Häufig sind die Schulter breiter, die Taille breiter, und die Hüfte und der Po schmaler, als das bei einer durchschnittlichen Frau zu erwarten ist. Daraus ergibt sich von vorn und hinten gesehen eher eine recht gerade Silhouette ohne die üblichen Kurven.
  • Im Profil ist das ähnlich: Die Brust ist oft flacher, und die Neigung zu einem Bauch (statt einer Taille) ist deutlich ausgeprägter.
  • Hände und Füße sind oft größer als bei einer Frau von ähnlicher Statur.
  • Der Stimmbruch hat meist einen Adamsapfel hinterlassen, der mehr oder weniger prominent am Hals zu sehen ist.

Verstecken unmöglich

Im Alltag kann man vieles davon ganz gut überspielen: Durch Make-up, Schmuck, passende Kleidung in den richtigen Farben etc. Ich versuche meist, durch eindeutige Merkmale Zweifel gar nicht erst aufkommen zu lassen. Z.B. durch lackierte Nägel, eindeutig als solche zu erkennende weibliche Schuhe, Oberteile etc.

Im Sport — sei es im Training oder Wettkampf — wird das alles deutlich schwieriger. Passing im Sport ist eine besondere Herausforderung:

Make-up & Co:

Make-up entfällt weitgehend. Entweder schwitzt es sich fort, oder beim Schwimmen spült das Wasser eventuelle Reste weg. (Eigentlich soll man aus Rücksicht auf die Wasserqualität ja sowieso nicht mit Make-up ins Wasser und sich vorher abduschen.) Ein wasserfester Mascara ist das Einzige, was man eventuell machen kann.

Lackierte Nägel: Die gehen, das ist prima 🙂

Schmuck: Auf die meisten Sachen sollte man verzichten, weil sie einfach stören oder verloren gehen könnten. Außerdem geht beim Sport nur Echtschmuck, Modeschmuck würde salzigen Schweiß und Chlorwasser nicht lange überleben.

Kleidung

Vorteilhafte Kleidung ist schwer zu finden, wenn man einen sportlichen Badeanzug oder eine enge Laufhose braucht (ich mag keine Schlabberhosen beim Sport). Ebenso verhält es sich mit Radsportkleidung: Radhosen und Trikots sind in der Regel recht körpernah geschnitten. Gepolsterte Sport-BHs sind auch ziemlich selten. Lediglich bei Shirts und Jacken habe ich ein paar Sachen gefunden, die meine nicht vorhanden Taille nicht auch noch betonen wollen.

Viele Kleidungsstücke sind nicht geschlechtsspezifisch: Während sich z.B. normale Hosen von Männlein und Weiblein in der Regel deutlich im Schnitt unterscheiden, sind die elastischen Sporttextilien oft gleich oder sehr ähnlich. Große Frauen greifen mitunter auf Herrenmodelle zurück, weil dort die Beine einfach länger sind. Im Radsport, wo Frauen lange Zeit nur ein Nischenmarkt waren, mussten sich viele bis vor einigen Jahren weitgehend mit Herrenkleidung begnügen. Auch Kleidungsstücke wie Röcke oder Kleider spielen im Sport naturgemäß (so gut wie) keine Rolle.

Richtig schwer finde ich es bei einem Triathlon-Wettkampf. Ich bin immer mit einem Triathlon-Einteiler angetreten – und diese Dinger sind hauteng wie ein Badeanzug. Im Unterschied zu letzterem ist ein Triaeinteiler aber kein exklusiv weibliches Kleidungsstück. Also kann man hier nur über Farbe und Linienführung versuchen, ein bischen von der nur begrenzt weiblichen Figur abzulenken. Dazu kommt, dass man von Hunderten Athleten umgeben ist, die einen aus nächster Nähe sehen können, ebenso die zum Teil zahlreichen Zuschauer an der Strecke und im Ziel.

Und richtig mies ist es bei einem Neoprenanzug. Ich kenne ja die Fotos von mir darin – furchtbar. Darin wirke ich kein bischen weiblich mehr 🙁 Man ist nur noch in ein schwarzes Ganzkörperkondom eingehüllt, die Brust ist plattgedrückt, die fehlende Taille überdeutlich zu sehen.

Die Ängste bleiben

Und so denke ich beim Training, wenn mir andere entgegenkommen oder beim Überholen nicht selten daran, dass man mir etwas ansehen könnte. Auch das Duschen nach dem Schwimmen ist nicht gerade innerhalb der Komfortzone.

In der Schwimmhalle
In der Schwimmhalle

Bei meinen Wettkämpfen habe ich mich ebenfalls meist etwas unwohl gefühlt. Ich weiß nicht, was die Leute (sowohl Mitstreiter als auch Zuschauer) um mich herum wissen oder ahnen — und was sie über mich denken. Ich habe absolut keine Ahnung, ob ich auffalle. Auch wenn ich während der Wettkämpfe nicht so sehr reflektieren kann – ich habe mit der sportlichen Anstrengung genug zu tun – die eigenen Zweifel sind immer da. Ob im Zielbereich oder unterwegs, wenn ich allein an den Zuschauern vorbeilaufe. Besonders mulmig ist mir ausgerechnet in den Momenten, wenn ich es auf’s Treppchen schaffe und eine Auszeichnung erhalte. Die Leute klatschen, aber meine Gedanken sind von Ängsten begleitet.

Diese Angst, aufzufallen und nicht eindeutig als Frau „durchzugehen“, die Angst vor den Blicken und Zweifeln der anderen führt zudem schnell zu sichtbarer Unsicherheit, die das Passing erfahrungsgemäß deutlich verschlechtert. Da hilft auch für das Passing im Sport nur eine Extraportion Selbstbewusstsein. Aber immerhin führt ja der viele Sport dazu, dass das Selbstbewusstsein wächst.

Bemerkenswert bei all meinen Ängsten ist hingegen, dass ich so gut wie nie Probleme hatte oder schlechte Erfahrungen machen musste. Alle positiven Erfahrungen schaffen es jedoch nicht, die Ängste zu kompensieren. Man weiß eben nicht, was in den anderen vor sich geht.