Ein Gastbeitrag von Sophia, 2010. Sie beschreibt, wie es ist, als Transvestit bei einem Volkslauf teilzunehmen.

Ein Volkslauf als Frau

Wenn ein (Volks-)Läufer an einem Wettkampf teilnimmt, sprudelt er danach über und weiß nicht, wohin mit den ganzen Endorphinen. Um damit irgendwas Sinnvolles zu machen, setzt er sich meist an einen PC und lässt andere an seinen Endorphinen teilhaben, indem er einen Bericht schreibt, einen sogenannten Laufbericht. Diesen Laufbericht stellt er dann in eine der diversen Laufforen ein und lässt sich feiern oder bemitleiden (je nachdem).

Ich bin ein Mann, nehme des öfteren an Volksläufen teil und habe auch schon endorphinlastige Laufberichte geschrieben. Über eine solchen Volkslauf möchte ich nun schreiben, es ist allerdings für mich eine Premiere: Dieses Mal wollte ich als Frau an einem Volkslauf teilnehmen. Warum? Ich bin ein Mann, der des öfteren auch mal Frau sein will — ein Transvestit — und habe das Bedürnis, auch gewisse alltägliche Dinge als Frau zu machen…

Als Frau einen Lauf bestreiten — das wollte ich schon lange mal tun. Ursprünglich schon im Sommer, da kam aber was dazwischen. Vor kurzem bot sich mir nun eine erneute Chance, die ich dieses Mal wahrnehmen wollte.

Streckenplan
Streckenplan

Countdown mit Hindernissen

Am Freitag vor dem Lauf ging es mir noch ziemlich dreckig (zu lange in der Kneipe gewesen? Migräne, Erkältung?), aber nach 12 Stunden Schlaf waren auch die letzten Kopfschmerzen ausgestanden. Ich war also fit.

Am Samstagmorgen suchte ich also meine sieben Sachen zusammen, zog mich an, um 15 Uhr sollte der Zug fahren. Natürlich wollte ich gleich als Frau hinfahren.

Weil mich die Nachbarn sehen könnten, schaue ich immer, ob einer von ihnen draußen ist. Und tatsächlich, die Nachbarn gegenüber waren im Garten und bearbeiteten in aller Seelenruhe ihr Unkraut. Ein Blick auf die Uhr: Ok, 10 Minuten habe ich noch. Allerdings macht sich in 10 Minuten kein Garten fertig. Andererseits sind ja Züge meist dann pünktlich, wenn man es nicht braucht. Also, was tun? Terrassentür auf, über den Zaun steigen, und von hinten durch die Brust ins Auge…

Ich bin unverletzt zum Bahnhof gekommen und tatsächlich, der Zug fuhr pünktlich.

Leider aber nur der eine. Der Anschlusszug fiel einfach aus. Ein Regionalzug als Ersatz fuhr 10 Minuten später (mit 5 Minuten Verspätung), brauchte zusätzlich noch einmal 10 Minuten mehr, so dass mein nächsten Anschlusszug weg war. Da stand ich also auf einem Bahnhof in der Provinz und wusste genau: Wenn ich jetzt hier eine Stunde auf den nächsten Zug warte, kann ich den Lauf vergessen! Also in den sauren Apfel gebissen und ein Taxi gerufen. Das brachte mich dann für den absoluten „Schnäppchenpreis“ von 60 Euro zum Ort des Geschehens.

Dort angekommen, blieb kaum Zeit zum Durchschnaufen. Ich wurde langsam aufgeregt — kann ich mich jetzt anmelden oder schmeißen die mich raus? Aber das Anmelden war kein Problem, ich habe meinen weiblichen Namen auf die Anmeldung geschrieben, allerdings das Geschlecht ausgelassen. Wenn jemand „weiblich“ draufgeschrieben hat, war ich es zumindest nicht. Unfair? Vielleicht, aber mir ging es ja nicht darum, bei den Frauen unter die besten 100 zu kommen.

Und dann war ich angemeldet und konnte noch ein bisschen schauen, wurde aber auch angeschaut.

Im Vorfeld war ich von einer Bekannten gefragt worden, was ich denn anziehen würde, Laufsachen seien doch im Großen und Ganzen geschlechtsunspezifisch und dehnbar. Allerdings finde ich, dass man sich schon ganz gut vom Ursprungsgeschlecht absetzen kann, in dem man einen Sport-BH, ein weiblich geschnittenes Shirt sowie eine ebenso geschnittene Laufhose anzieht. Mit ein paar Tricks kümmert man sich noch um das Zuviel bzw. Zuwenig an Beulen, eine Perücke ist unter Umständen auch nicht ganz abwegig, und schon ist man fertig (sofern man auf Make-up verzichtet). Welche Gedanken zum Thema Passing mir durch den Kopf gingen, passt gut zu dem, was man hier nachlesen kann.

Bei einem kürzeren Lauf wie diesem (4 Runden über jeweils 2 Kilometer = 8 Kilometer) sollte man sich warmlaufen. Also verkroch ich mich in eine Seitenstraße und fing an. Andere liefen sich auch warm, einige schauten mich zweimal an, aber blöd angemacht hat mich niemand. Ein nettes Lächeln auf einen solch neugierigen Blick kann Wunder wirken! Auch in der Startaufstellung, wo man dicht an dicht steht, kam keine blöde Bemerkung. Es war irgendwie alles normal…

Start in der Menge

Allerdings beging ich als Frau den gleichen Fehler wie als Mann. Ich stand zu weit hinten. Als es losging, war ich eingekeilt von Läufermassen. Es war dunkel, es ging abwärts, zumindest bei den Höhenmetern.

Ich lief in einer für mich wahnwitzigen Geschwindigkeit den Berg runter — alle anderen aber auch. Es sollte sich rächen, denn irgendwann mussten wir die Strecke wieder hinauf. Doch vorher gab es den nächsten Stau: An einem (Stadt-)Tor standen wir. Langsam arbeiteten wir uns vor und sahen und hörten den Grund. Mitten auf dem Weg saß ein Ordner auf einem Klappstuhl und brüllte laut: „Achtung, Pfosten mitten im Weg.“ Warum die den Pfosten nicht entfernt hatten, war mir ein Rätsel, in der zweiten Runde war er nämlich weg und mit ihm der im Weg sitzende Ordner.

Dann ging es in einen Park, der nur spärlich mit Fackeln beleuchtet war. Etwas unsicher lief ich den Läufern vor mir hinterher. Ich laufe sonst nur im Hellen, selbst im tiefsten Winter (flexible Mittagspause sei dank), so dass dieser Fackellauf an sich schon etwas Besonderes war. Gottseidank war die Strecke gut gesichert und eben. Kein Schlagloch und kein Ast sorgten für böse Verletzungen.

Und jetzt kam die Steigung: Gefühlte 20 Höhenmeter innerhalb von 100 Metern (das dem nicht so war, konnte ich nachher auf meinem Garmin nachvollziehen) zwangen mich zum Langsamerwerden. Aber ich kam noch gut hoch (wahrscheinlich hat das abgebrochene Marathontraining doch geholfen) und erreichte oben das erste Stimmungsnest des Laufes. Als ob die Zuschauer wussten, was wir gerade durchgemacht hatten, wurden wir fast frenetisch angefeuert!

Danach der unvermeidliche Fototermin: Dieses Mal war der für mich besonders wichtig, weil ich ja wissen wollte, wie gut ich als laufende Frau rüberkomme (Stichwort Passing). Ich selbst bin mit den Fotos nicht sehr zufrieden, aber andere meinen, dass ich doch ganz gut aussehe. Wieder andere meinen, dass es doch egal sei, wie man beim Sport aussieht. Diese Meinung kann ich allerdings nicht unterstützen 😀

Mit einer kleineren Steigung durch den Start- und Ziel-Bereich begann anschließend die nächste Runde. Viele Leute jubelten, es machte Spaß, dort zu laufen. Insgesamt mussten wir vier Runden laufen, und mit jedem Mal wurden die Steigungen ekliger (wurden die eigentlich immer steiler? Laut Garmin nein), die Abstiege willkommener. Als ich das letzte Mal beim Stimmungsnest nach dem bösen Anstieg vorbeikam, habe ich mich durch Klatschen artig bedankt, was mir noch einmal einen besonderen Jubel einbrachte 🙂

Kurz vor dem Ziel kam der letzte kleine Anstieg. Ein junger Kerl (vielleicht halb so alt wie ich) wollte mir einen Endspurt aufzwingen. Da musste ich allerdings passen. Ich konnte nicht mehr. Völlig außer Atem und mit 100% HFmax kam ich im Ziel an und war happy.

Nachdem ich wieder zu Atem kam, konnte ich noch etwas trinken und essen, mich mit wildfremden Menschen über den Lauf unterhalten, und wieder: Kein negatives Feedback, kein Problem… Es war einfach schön.

Frierend wartend nach Hause

Leider musste ich nun schon wieder los zum Zug.

Die Rückfahrt war genauso katastrophal wie der Hinweg, der Zug nach Hause kam 35 Minuten zu spät! Frierend standen wir auf dem Bahnsteig und warteten. Viele junge Mädchen in kurzen Röcken standen da und froren. Normalerweise könnte ich darüber lästern, nicht so an diesem Abend: mein Rock war einer der kürzesten. Also reihte ich mich ein in die Reihe der Frierenden und Wartenden. Irgendwann kam endlich der Zug, und kurz nach Mitternacht war ich dann zu Hause und nicht mal völlig k.o.

Was bleibt, ist das Gefühl, mal wieder etwas in meinem zweiten Ich gemacht zu haben, was nicht mit Party oder Shoppen zu tun hat (das, was zwangsläufig von einem Transvestiten erwartet wird). Auch den Alltag als Frau zu erleben, kann Spaß machen und zu einer gewissen Befriedigung führen!

Wo es mit mir hingeht, weiß ich aber auch noch nicht…

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Sophia.