Wie hat sich das Phänomen „Transgender“ zu dem entwickelt, das wir heute kennen? Die folgenden Bücher beleuchten verschiedene Epochen der Transgender-Geschichte.

Robert Beachy: Das andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität. Eine deutsche Geschichte 1867-1933, 2015.

Robert Beachy: Das andere Berlin.
Robert Beachy: Das andere Berlin.

Autor: Robert Beachy. Titel: Das andere Berlin. Untertitel: Die Erfindung der Homosexualität. Eine deutsche Geschichte 1867-1933. Verlag: Siedler Verlag, München. Erscheinungsjahr: 2015. ISBN: 978-3-8275-0066-3. Bindung: Hardcover, 462 Seiten. Preis: 24,99 €. Bei Amazon kaufen.

In seinem grundlegenden Werk arbeitet Robert Beachy kenntnis- und quellenreich heraus, wie das heutige Konzept der Homosexualität und die Identifikation damit um die Jahrhundertwende in Berlin – und nur in Berlin – entstanden sind. Die Kombination aus einer aufgeklärten Sexualwissenschaft, gesetzlicher Kriminalisierung und einer liberalen Polizei entwickelte eine Dynamik, die es nirgendwo sonst so gab. Einen Schwerpunkt des Buches bildet das Wirken Magnus Hirschfelds, der zeitlebens für die Abschaffung des Paragraphen 175 kämpfte. Außerdem differenziert er mit seinem Pionierwerk „Die Transvestiten“ (1910 erschienen) zum ersten Mal Geschlechtsidentität und geschlechtliche Orientierung voneinander. Berlin muss damals ein überaus reiches und buntes Nachtleben geboten haben, wie zahllose Quellen zeigen. Auch das Wirken des Instituts für Sexualwissenschaft und selbst die ersten geschlechtsangleichenden Operationen werden besprochen.

Trotz des vermeintlich nur „benachbarten“ Themas der Homosexualität kann ich das Buch uneingeschränkt empfehlen, um sich mit Transgender-Geschichte zu beschäftigen. Homosexualität und Transgender (oder wie auch immer wir das nun nennen wollen) wurden damals schlicht nicht unterschieden, so dass die Geschichte bis in die Weimarer Republik für beide Gruppe durchaus eine gemeinsame ist. Erst Hirschfeld differenzierte im akademischen Bereich (s.o.) ab 1910, in den Köpfen der Menschen dauerte dies dagegen noch Jahrzehnte. Und selbst heute werden die Themen mitunter noch vermischt.

Klappentext

Homosexualität ist eine deutsche Erfindung – zu dieser überraschenden Erkenntnis kommt Robert Beachy in seiner Geschichte der Homosexualität in Deutschland. In seinem Buch erzählt er von den Pionieren der Sexualwissenschaft, den Debatten um gesellschaftliche Anerkennung im Kaiserreich sowie vom schwulen Eldorado Berlins in der Weimarer Zeit und holt damit ein in Vergessenheit geratenes Kapitel deutscher Geschichte ans Tageslicht.

Welche einzigartigen Bedingungen im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts herrschten, die es zum Zentrum der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der menschlichen Sexualität machten, zeigt der Historiker Robert Beachy anhand einer Fülle an Figuren und Episoden. Vor allem Berlin mit seinem berühmten Nachtleben entwickelte sich in dieser Zeit zum Magneten für eine lebendige, internationale schwule Szene und zog Künstler wie Christopher Isherwood und W.H. Auden an, die der Zeit in ihren Werken ein Denkmal setzten. Mit seiner Geschichte der Homosexualität in Deutschland verändert Robert Beachy das Bild von Kaiserzeit und Weimarer Republik und fügt unserem Verständnis dieser Epoche eine wichtige Facette hinzu.

Rainer Herrn: Schnittmuster des Geschlechts, 2005.

Rainer Herrn: Schnittmuster des Geschlechts
Rainer Herrn: Schnittmuster des Geschlechts

Autor: Rainer Herrn. Titel: Schnittmuster des Geschlechts. Untertitel: Transvestismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft. Verlag: Psychosozial-Verlag, Gießen. Erscheinungsjahr: 2005. ISBN: 3-89806-463-8. Bindung: Broschur, 243 Seiten. Preis: 29,90 €. Bei Amazon kaufen.

Die Differenzierung von Geschlechtsidentität und geschlechtlicher Orientierung, die zu den unterschiedlichen Themen Transgender und Homosexualität führt, skizziert Robert Beachy in seinem Werk „Das andere Berlin“ (siehe oben). Rainer Herrn gebührt der Verdienst, diese Differenzierung en detail untersucht zu haben. In seinem Buch „Schnittmuster des Geschlechts“ beschreibt er die allmähliche Herausbildung einer Transgender-Identität in Abgrenzung von den Homosexuellen. Dieser Prozess entwickelte sich interessanterweise in regem und gegenseitigem Austausch von Betroffenen und Wissenschaftlern.

Für alle historisch Interessierten kann ich Rainer Herrns Buch absolut empfehlen. Es ist spannend zu erfahren, wie viele der Themen, die uns auch heute noch beschäftigen, bereits vor etwa 100 Jahren ihren Anfang nahmen.

Über das Buch

Anhand weitgehend unbekannter Archivquellen, Texte und Fotografien beschreibt der Autor, wie sich die wissenschaftliche und soziale Kategorie der Transvestiten im Wechselspiel von Forschern und Beforschten allmählich herausbildete. Der Prozess der Etablierung der Transvestiten, wie auch der Ausdifferenzierung ihrer Lebensstile vollzieht sich auf der Grundlage von Fremd- und Selbstzuschreibungen spezifischer Geschlechterbilder.

In der aufkommenden Sexualpathologie des späten 19. Jahrhunderts gehört Cross-Dressing neben Homosexualität und anderen Abweichungen von den Geschlechternormen zur so genannten konträren Sexualempfindung (Westphal). Im von Cross-Dressern initiierten Dialog mit Sexualwissenschaftlern kam es zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu ihrer Ablösung in eine eigenständige Kategorie, die Transvestiten, die Magnus Hirschfeld in der gleichnamigen Monografie (1910) erstmals beschrieb. Mit der Einführung dieses Konzeptes begann ihr Kampf um die juristische Legitimation ihrer Neigung (Transvestitenscheine, Vornamensänderungen), um ihre Abgrenzung gegenüber den Homosexuellen sowie ihre Selbstorganisationen, die in der Weimarer Zeit eine Blüte erreichte.

Mit zunehmendem Einfluss des Körperdiskurses – der ein Arsenal medizinischer Techniken hervorbrachte – auf das Selbstbild, begannen nach 1910 auch erste Transvestiten den Wunsch nach Geschlechtsumwandlung zu artikulieren. Einige, die heute als »Transsexuelle« oder »Transgender« gelten würden, versuchten, ihre physische Erscheinung mit der empfundenen Geschlechtszugehörigkeit in Einklang zu bringen, sowohl im Selbstversuch als auch mit ärztlicher Hilfe. Die ab 1912 aufkommenden ersten Frau-zu-Mann- und ab 1920 auch Mann-zu-Frau-Umwandlungen werden in ihren ethischen, juristischen und medizintechnischen Dimensionen bis in die 30er Jahre dokumentiert. An dieser Entwicklung waren Magnus Hirschfeld und das Institut für Sexualwissenschaft (1919–1933) maßgeblich beteiligt.

Joanne Meyerowitz: How Sex Changed, 2002.

Joanne Meyerowitz: How Sex Changed
Joanne Meyerowitz: How Sex Changed

Autorin: Joanne Meyerowitz. Titel: How Sex Changed. Untertitel: A History of Transsexuality in the United States. Verlag: Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts, United States; London, England. Erscheinungsjahr: 2002. ISBN: 0-674-01379-4. Bindung: Softcover, 363 Seiten. Ehemaliger Preis: $ 16,95 (vergriffen). Bei Amazon kaufen.

Klappentext

From early twentieth-century sex experiments in Europe, to the saga of Christine Jorgensen, whose sex-change surgery made headlines in 1952, to today’s growing transgender movement, Meyerowitz gives us the first serious history of transsexuality.

»Examines changing definitions of gender through the prism of transsexuality, that most mysterious of conditions in which a person is born with normal chromosomes and hormones for one sex but is convinced that he or she is a member of the other. Dr. Meyerowitz shows how mutable the words ›male,‹ ›female,‹ ›sex,‹ and ›gender‹ have become, and how their meanings have evolved through time. Hers is one of several new books on the subject of the transgendered…In terms of the scientific quandary of gender, [this book] is the most important.«
Dinitia Smith, New York Times

»A sober, comprehensive cultural history that … is likely to become a standard reference in the field. … One of its great strengths is its examination of the intersection and interaction of science and culture, a type of inquiry that should serve as a model for future work on gender issues.«
Julia M. Klein, The Nation

»A masterful history. Drawing on extensive and compelling evidence, Joanne Meyerowitz shows how transsexuals, the doctors who treated them, and the media not only expanded the possibilities for individual sex change but also transformed the cultural meanings of sex, gender, and sexuality in twentieth-century America.«
Estelle B. Freedman, author of No Turning Back: The History of Feminism and the Future of Women

»Quite simply the best work on transsexual history yet produced. How Sex Changed is a wonderful introduction to the topic for newcomers as well as a solid point of departure for specialists already working in the field. A lucid, readable tour de force of archival research.
Susan Stryker, Executive Director, Gay, Lesbian, Bisexual Transgender Historical Society/International Museum of GLBT History

Joanne Meyerowitz is Professor of History at Indiana University and Editor of The Journal of American History.