Wen gab es früher?

Wer sich schon einmal mit Trans*-Geschichte beschäftigt hat, wird auf den Namen „Lili Elbe“ gestoßen sein. Der Film „The Danish“ Girl hat ihr Leben weithin bekannt gemacht. Lili Elbe war einer der ersten Menschen, der sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog. Außerdem war sie Autorin einer der ersten Biographien von transsexuellen Menschen.

Sie und einige andere Transgender-Pioniere möchte ich hier vorstellen.

Lili Elbe (1882–1931)

Mit Lili Elbe möchte ich beginnen. Als selbst »Betroffene« und Leserin etlicher Biographien und Autobiographien fand ich es höchst interessant, etwas über Menschen wie sie zu erfahren. Bereits vor langer Zeit und weit vor unseren heutigen medizinischen und rechtlichen Möglichkeiten veränderte sie ihr Leben.

Um die Zeit einzuordnen: Eine ältere Biographie aus Deutschland kommt von Renate Anders (1984), noch älter sind die von Jan Morris (1974) und Roberta Cowell (1954). Lili Elbes Geschichte ist jedoch bereits 1932 erschienen und war ein Meilenstein!

Lili Elbes Leben

Lili Elbe wurde in Dänemark als Einar Wegener geboren und wuchs als Junge auf. Im Alter von 22 Jahren heiratete er Gerda Wegener, zusammen reisten sie durch Europa und ließen sich in Paris nieder. Als Maler nannte er sich Andreas Sparre und erlangte eine gewisse Bekanntheit. Ihrer Autobiographie nach trat Lili auf die Bühne, als Gerda ein weibliches Modell brauchte und Lili Gefallen an der Rolle fand.

1930 reiste sie nach Deutschland, um sich mehreren Operationen zu unterziehen. Die erste fand dabei unter Aufsicht von Magnus Hirschfeld in Berlin statt, die nachfolgenden in Dresden führte Kurt Warnekros durch. Die letzte Operation überlebte sie leider nicht mehr.

Ihre Autobiographie

Aber sie hinterließ der Nachwelt ihre Aufzeichnungen. Der befreundete Schriftsteller Niels Hoyer (ein Pseudonym für Ernst Harthern) gab sie ein Jahr später unter dem Titel „Ein Mensch wechselt sein Geschlecht. Eine Lebensbeichte.“ heraus.

Ihre Autobiographie war erfolgreich (und wurde Hoyers erfolgreichstes Buch), im Jahr 1954 erschien eine Neuausgabe. Und als der amerikanische Schriftsteller David Ebershoff von der Geschichte erfuhr, war er so beeindruckt, dass auch er sie noch einmal im Buch »Das dänische Mädchen« verarbeitete. Seit einigen Jahren ist auch eine Verfilmung dieses Stoffs geplant, Nicole Kidman soll dabei Lili Elbe spielen. Der Film wird voraussichtlich 2012 2014 ist 2016 in die Kinos gekommen.

Magnus Hirschfeld (1868–1935)

Lili Elbes Geschichte wäre nicht möglich gewesen ohne Magnus Hirschfeld. Der 1868 geborene Sexualforscher setzte sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Berlin intensiv für die Rechte Homosexueller ein. Mit seinem 1910 erstmals erschienenen Werk »Die Transvestiten« veröffentliche er die erste Monographie, die sich explizit Transvestiten und Transsexuellen widmet. Das Buch ist heute außerordentlich schwer zu beschaffen, mittlerweile konnte ich ein Exemplar erstehen und habe es digitalisiert [todo]. Jula hat dem Werk einen ausführlichen Aufsatz gewidmet. Alle danach erschienene Transgender-Literatur bezieht sich direkt oder indirekt auf dieses Werk.

Das von ihm begründete Magnus-Hirschfeld-Institut wurde direkt nach der Machtergreifung der Nazis verwüstet (möglicherweise, weil so viele NSDAP-Mitglieder in seinen Patientenakten waren). Magnus Hirschfeld, der sich gerade auf Weltreise befand, betrat nie wieder deutschen Boden. 1935 starb er in Nizza.

Sein gesammeltes Werk ist später unter dem Titel »Geschlechtsverirrungen« erschienen. Und Rosa von Praunheim verfilmte 1999 unter dem Titel »Der Einstein des Sex« sein Leben.

Charlotte von Mahlsdorf (1928–2002)

Kaum eine Transgender-Persönlichkeit ist (war?) in Deutschland so bekannt wie Charlotte von Mahlsdorf. Geboren als Lothar Berfelde, spürte sie schon als Kind, dass sie die Erwartungen an einen Jungen nicht erfüllen könnte. Stattdessen wuchs sehr früh das Interesse für »alten Kram«, vor allem aus der Gründerzeit. Nachdem sie das Dritte Reich überstanden hatte, richtete sie sich in der DDR ein. Dort setzte sie sich zeitlebens für die Bewahrung gründerzeitlicher Möbel, Musikinstrumente uvm. ein. Dafür wurde ihr 1992 das Bundesverdienstkreuz verliehen. 1997 emigrierte sie wegen früherer Neonazi-Übergriffe nach Schweden und starb 2002 bei einem Berlin-Besuch. Ihr Erbe lebt im Gründerzeitmuseum in Berlin-Mahlsdorf weiter.

Sie lebte ohne medizinische Anpassungen als Frau. Weder die Bezeichnungen »Transvestit« noch »transsexuell« werden ihr wohl wirklich gerecht. Sie hat uns mehrere biographische Zeugnisse hinterlassen, am bekanntesten ist ihre Autobiographie »Ich bin meine eigene Frau«.

Schon einige Jahre früher erschien in der DDR ein Buch über schwule Männer mit einem Kapitel von/über sie. Über sie sind außerdem folgende Bücher erschienen:

Ein weiteres spannendes Buch ist ein ganz untypischer Stadtführer über »ihr« Berlin-Mitte. [todo: Bücher aufnehmen]

Weitere Transgender-Pioniere

Viele weitere Menschen haben Wegweisendes geleistet und sind Vorbild für uns Nachfolgende gewesen. Hier eine Auswahl weiterer Transgender-Pioniere:

  • Die Begründer der Sexualwissenschaft neben Magnus Hirschfeld: Richard Krafft-Ebing, Carl Westphal und Albert Moll.
  • Harry Benjamin: Sein Werk »The Transsexual Phenomenon« (1966) zum Standardwerk für Mediziner und Betroffene wurde.
  • Georges Burou: Er prägte die Technik für die geschlechtsangleichende Operation (Mann-zu-Frau) grundlegend. Seine Klinik in Casablanca wurde zum Sehnsuchtsort für alle operationswilligen transsexuellen Frauen ab den 60er Jahren. Die älteren Autobiographien sind voll davon.
  • Christine Jorgensen: Als ehemaliger Soldat unterzog sie sich bereits in den 50er Jahren einer geschlechtsangleichenden Operation. Als erste transsexuelle Frau erlangte sie große Bekanntheit und enorme mediale Aufmerksamkeit.
  • Ed Wood: Mit „Glen or Glenda“ drehte er im McCarthy-Amerika der 50er den ersten Transgender-Film. Jahrzehnte später setzte Tim Burton ihm als „schlechtester Filmregisseur aller Zeiten“ ein einfühlsames filmisches Denkmal.

Du möchtest mehr wissen? Mehrere Bücher widmen sich ausführlich der Transgender-Geschichte. Nennen möchte ich z.B. Rainer Herrns »Schnittmuster des Geschlechts« und Joanne Meyerowitz’ »How Sex Changed«, siehe Bücher zur Transgender-Geschichte.