Herr G (Hirschfeld 7)

Wann erwähnt: 1910

Namen(n): M: Herr G / W:

Lebensdaten: 1870 (ca.) geboren

Beruf: Polizei-Beamter

Ort(e): nicht genannt, Großstadt, evtl. Berlin-Friedrichstadt

Fallbeschreibung

Originaltext Hirschfeld

Fall VII.

Herr G., bis vor kurzem Polizei-Beamter, ca. 40 Jahre alt. Ein Onkel war Tabiker, seine Eltern Cousin und Cousine. Sonst ist aus der Verwandtschaft nichts zu ermitteln, was auf Degeneration Bezug haben könnte. Herr G. hat Aufzeichnungen über sich gemacht vom Umfang eines recht ansehnlichen Druckbandes in Lex. 8′. Hieraus seien die bemerkenswertesten Details mitgeteilt:

Inbezug auf die Kindheitsentwicklung heisst es: „Sah ich in Märchenbüchern oder auf Bilderbogen Männer mit struppigen Vollbärten oder von rauhem, rohem Wesen dargestellt, so konnte ich es mir garnicht vorstellen, dass ich auch einmal ein Mann werden sollte.“ G. hatte stets Sehnsucht nach Puppen und Puppenwagen, bekam aber nie derartiges Spielzeug. Allerhand Puppengeschirr besass er; sein Wunsch, damit Kochen spielen zu dürfen, wurde ihm von der Mutter abgeschlagen.

In dem kleinen Jungen entwickelte sich nun sehr bald eine Zuneigung zu seiner ein paar Jahre alten Schwester, besonders zu ihrem Hals oder Halsausschnitt und zu ihrer gesamten Kleidung. Er empfand diese Neigung schon deutlich als erotisch; denn sie wurde für ihn bald zu einer inneren Heimlichkeit. „Kam meine Schwester aus der Schule und setzte sich dann zum Mittagessen nieder, so kletterte ich von hinten auf ihren Stuhl und bedeckte ihren Nacken mit innigen Küssen.“

Sehr früh trat auch schon ein Zug auf, den er in seinem Bericht selber als masochistisch bezeichnet. „Ich empfand eine sinnliche Befriedigung, wenn ich mich als kleiner Knabe mit dem Bauch platt auf die Erde legte, und wenn meine Mutter dann ihren Schuh auszog, mit dem Fuss sanft über meinen Rücken strich und tretende Bewegungen machte. Ich nannte das „Padde (Frosch) treten“ und bat im Alter von 5-6 Jahren meine Mutter fast täglich hierum.“

Mädchen erschienen ihm wie übernatürliche Wesen. Obwohl er wenig Gelegenheit hatte, an ihren Spielen teilzunehmen, war stets sein höchster Wunsch, als Mädchen sich unter Mädchen tummeln zu‘ können. Die Raufereien der Knaben fand er roh und abstossend. Dabei bestand und besteht grosse Neigung zum Weinen.

Mit 7 Jahren kam er in die Schule. Seine erste Enttäuschung war dort, dass er keine Lehrerinnen bekam. Dagegen hatte er das „Vergnügen“, dass ausnahmsweise die Tochter des Schuldirektors in der gleichen Klasse mitunterrichtet wurde. Beim Nachhausegehn folgte er ihr oft von fern. Wieder regte sich der Wunsch, so ein Mädchen „in duftigem, tief ausgeschnittenen Kleide“ sein zu können.

Schläge von seiten der Eltern und Lehrer gab es öfter. Sein Ehrgefühl litt ausserordentlich darunter. Bekamen andre Jungens eins ab, so hatte er dagegen „beim Anblick des Opferlamms erotische Gefühle“.

Im 9. Jahre stellten sich Nacht- und Tagträume ein. „Ich hatte die Illusion, als stände eine ganze Reihe der schönsten Frauen in ausgeschnittenen Gewändern vor mir und ich küsste und beleckte sie an Hals und Brust nach Herzenslust.“

Sentimentale Märchen interessierten ihn ungemein. Er vergoss bittere Zähren über das Geschick der heiligen Genoveva. Die Geschichte der Märtyrer, das Leiden Christi machten sein Herz klopfen.

Mit 10 Jahren geriet er einmal in eine heftige Erregung beim Anblick eines „stark dekolletierten Mädchens von 6-7 Jahren“. In seinem Bericht vibrierte dieser Eindruck noch so sehr nach, dass er die Einzelheiten der Kleidung dieses Mädchens genau angibt. „Ich bedauerte, dass ich nicht auch so frei und luftig um den Hals gehen, nicht auch die Haare so schön lang wachsen lassen durfte usw.“

„Ein neues Moment: Damals bereits empfand ich in meinen Brüsten ein wollüstiges Gefühl, sodass ich mir mein Knabenhemd zuweilen öffnete und meine Brüste betastete. Auch ging ich heimlich ans verschlossene Küchenspind, nahm mit dem Teelöffel etwas Milch aus dem Topf und träufelte sie auf meine Warzen, um mir die Illusion einer stillenden Mutter vorzugaukeln. Hierbei hatte ich ein starkes Gefühl, natürlich ohne Ejakulation.“

Dann verliebte er sich in einen Klassenlehrer, den „Typus eines verfeinerten Urgermanen“. Wenn dieser ihm mit der Hand über das Haar strich, war er wie elektrisiert. „Ich errötete tief, denn ich spürte das Rieseln des Blutes in meinen Wangen. Bei einer ändern Gelegenheit hatte ich zum erstenmal das Gefühl, ich möchte die Frau dieses Mannes sein.“

Im 11. Jahre musste G. wegen einer Luxation Monate lang das Bett hüten. „Ich las dabei Romane und wurde durch die Schilderungen von schönen Frauenarmen, zierlichen Damenhänden und -füssen, Alabasterbusen, schönen, herrlichen und entzückenden Damenkostümen heftig erregt. Blätterte ich in Märchenbüchern herum, so küsste ich die Bilder schöner Prinzessinnen“.

Im 12. Jahre hatte er im Turnsaal beim Stangenklettern „ungemein schöne Gefühle“. Er wurde in Gartenlokale mitgenommen und begeisterte sich für Chansonetten in „ihren niedlichen kurzen Kleidchen“. Ein Damendarsteller erregte in ihm die lebhafte Begierde, diesen Beruf zu dem seinen zu machen. Seine Sexualität wurde nun überhaupt stärker. „Zu dieser Zeit hatte ich Träume, nach denen ich recht gestärkt erwachte; wenn ich auch darüber ärgerlich war, dass der Traum nun aus sei. Mir war’s, als ginge ich in Mädchenkleidern auf der Strasse spazieren oder sässe in solchen auf der Schulbank. Manchmal schien mir’s, als hätten auch andere Knaben, ja selbst der Lehrer Mädchenkleider an. Dann wieder, als tanzte eine wunderbare Frauengestalt mit vollen Brüsten und in berückend schönen blauen Gewändern vor mir in den Lüften und liesse sich zu mir hernieder, wie Pallas Athene zum Helden Achill.“

„Im Sommer desselben Jahres konnte ich der Versuchung nicht länger widerstehn; ich schlich in unbewachten Augenblicken an den Korb mit der schmutzigen Wäsche, holte mir ein Hemd meiner Schwester hervor und zog es mir über. Es roch so schön nach Schweiss. Mein Herz klopfte zum Zerspringen, Schauer durchrieselten meinen Körper, und ich zitterte wie Espenlaub. Vor Entzücken biss ich in die Kanten des Brustausschnitts und schlug klatschend auf meine Brust, Schultern und Oberarme.“

Derartige Szenen wiederholten sich nun öfter, in allerhand Variationen. Nach einer solchen Extase war er dann eine Zeit lang „ganz ruhig und vernünftig“ und bereute seine „Schwäche“ ein wenig. Ejakulation war immer noch nicht vorhanden. Besonders betont muss werden, dass manuelle Masturbation erst vom 24. Jahre an geübt wurde.

Geschichten von Männern, die längere Zeit in Frauenkleidern lebten, bevorzugte er als Lektüre. Achill unter den Töchtern des Lykomedes erschien ihm „dumm“ in dem Augenblick, wo er das Schwert ergreift. Andererseits kam es aber vor, dass ihm der Hauptmann, der mit gezogenem Degen unter klingendem Spiel der Truppe reitet, als Ideal vorschwebte. Vom Geschlechtsakt und der Entstehung des Menschen hatte er damals noch keine Ahnung.

Aus dem 13. Jahre ist folgender Bericht zu erwähnen: „Es traf sich einmal, dass Eltern und Geschwister auf einige Stunden abwesend waren. Oh wie jubelte ich innerlich! Mein Herz war zum Zerspringen voll. Am ganzen Körper zitternd zog ich mich nackt aus, holte aus dem Wäschekorb Hemd, Hose, Schürze, Strümpfe meiner Schwester hervor und kleidete mich damit an. Ihre Stiefel nahm ich gleichfalls, befestigte an meinem Haar ein Bukett künstlicher Blumen, band um den Hals ein schwarzes Samtbändchen und zog Mädchenhandschuhe an. Dann setzte ich einen alten Hut meiner Schwester auf den Kopf und spannte ihren Sonnenschirm auf. Wie glücklich fühlte ich mich da! Und die Kleidungsstücke rochen so wunderbar schön; wie Balsam kam mir der Geruch vor. Nun trat ich vor den Spiegel — das sollte ein Knabe sein? Purpurröte bedeckte mein Antlitz und Wonneschauer gingen durch meinen Körper.“

Im 14. Jahr begannen nächtliche Pollutionen, nach denen er „wie neugeboren“ erwachte. Eine neue Eigenart schildert er so: „Ich hatte damals die Neigung, auf ein Stück Papier Sätze zu schreiben wie: „I am a very fine young lady, I am a beautiful girl.“ Darnach zerriss ich die Zettel wieder. Auch Sätze in der Gramatik wie: je suis une belle fille, je suis ta tante, ta mere, erregten mich erotisch.“

„Oft bat ich meine Schwester, sie möchte einen oder zwei Knöpfe an ihrer Taille aufknöpfen; was sie auch manchmal tat. Dann langte ich hinten in ihren Nacken und zerrte den Saum ihres Hemdes hoch. Oder ich bedeckte ihren Hals mit stürmischen Küssen.“

Mit 15 Jahren hielten ihn die schwierigem Schulaufgaben oft bis in den späten Abend hinein fest. Es ist bemerkenswert, dass er dazu schreibt: „Infolgedessen war ich sexuell sehr aufgeregt.“ Er schlief damals mit Vater und Bruder in einem Zimmer. Sobald diese schnarchten, schlich er leise zum Wäschekorb, nahm Hemd, Hose, Unterrock und Strümpfe der Schwester heraus und zog sie an. „Ich bekam dann zu meinem nicht gelinden Schreck Pollutionen und legte alles wieder in den Korb hinein. Dann erst konnte ich einschlafen. Dies setzte ich eine ganze Zeit hindurch beinahe täglich fort, erwachte aber nie besonders geschwächt.“

Aus dem 16. Jahr sagt der Bericht: „Die rohen und gemeinen Reden meiner Mitschüler waren mir zuwider; denn sie erhöhten meine Phantasie und erregten mich sexuell in hohem Masse … Jetzt trat wieder eine ganz neue Erscheinung auf. Wenn wir Schüler ein Extemporale schrieben und ich war beim Läuten mit meiner Arbeit noch nicht fertig geworden, so ergriff mich die Angst, eine schlechte Note zu erhalten derart, dass ich plötzlich trotz meines energischen Sträubens Ejaculation hatte.“

Er benutzte nun jede Gelegenheit zur Verkleidung. Er klemmte sich Ohrringe an, raffte im Zimmer nach Frauenart den Rock hoch mit hüpfenden und wiegenden Bewegungen“ „Dann hatte ich plötzlich Orgasmus, ohne dass ich masturbiert hatte.“

Das Gymnasium absolvierte er glatt und von Quinta an als Klassenerster. Als Primaner verkleidete er sich seltener. Geschah es aber, so liebte er die Illusion einer nährenden Amme. Er band, gleichsam als Kopftuch der Spreewälderinnen, eine Serviette um den Kopf, formte aus einer ändern daß „Kind“ und legte es zum „Stillen“ an, indem er ein Ammen- liedchen vor sich hin summte. Damals erregte ihn auch der Anblick eines Damendarstellers so heftig, dass er nur mit Mühe und mehrmals erfolglos die spontane Ejakulation zu hemmen versuchte.

Ferner schreibt er: „Von jeher sah ich gern weidende Kühe und Pferde, die mir in ihrer fessellosen Freiheit höchst beneidenswert erschienen. Ich wünschte, ich hätte eine Kuh sein können; namentlich von den milchstrotzenden Eutern konnte ich keinen Blick wenden. Aufs höchste erregte mich das Melken.“ Von dieser Ideenverbindung wird noch weiter die Rede sein. Er hat sich eine Serie von Ansichtskarten zugelegt, die das Melken der Kühe zum Gegenstand haben und deren Betrachten ihn unfehlbar in Exzitation versetzt.

Für seine Schüchternheit und Passivität ist folgendes bemerkenswert: Er bekam einen jüngeren Schüler zum Nachhilfe-Unterricht. Dieser benahm sich bald sehr ungezogen, neckte ihn mit Mädchennamen und begann schliesslich, ihn zu zwicken, zu schlagen und zu treten. Er aber liess alles ruhig über sich ergehn, ja nahm solche Uebergriffe mit einem gewissen Genuss hin.

Herr G. ergriff nun die Beamtenlaufbahn, hatte aber auch hier von vornherein mit Spöttereien und Widerwärtigkeiten zu kämpfen, weil seine verschlossene Sonderlingsnatur vielfach dazu herausforderte. In dieser Zeit bemühte er sich nach Kräften, des Sperma, wie er sagt, in seinem Körper zurückzuhalten. Aber gerade dann war er von seinen „weiblichen“ Ideen sehr geplagt, während er sich nach Ejakulationen frei und als „Mann“ fühlte. So kam er auf den merkwürdigen Gedanken, das Sperma überhaupt für das weibliche Prinzip in seinem Körper zu halten, „gewissermassen die Rippe, aus der Gott das Weib schuf.“

Zum Begriff des Obszönen macht er aus dieser Periode folgende Angaben: Sexuell erregend waren für ihn die Worte Kuh, Hirschkuh, Stute; die Karo-Dame im Kartenspiel; das Portrait des Chevalier d’Eon; aus dem Liede „Nun danket alle Gott“ der Vers „der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an“; die literarischen Gestalten der Kriemhild, Penelope, Gudrun, Eboli; der Satz in Immermanns Oberhof „Wenn die Magd die Kuh melkt, steht ihr immer der Geliebte vor Augen erregte ihn masslos. Wenn er eine Brautkutsche sah, beneidete er die Braut stets „viel, viel mehr als den Bräutigam“.

Nach dem Tode seiner Eltern gestand er den Geschwistern, mit denen er die Wohnung teilte, seine Neigung zur weiblichen Verkleidung. Er lebte dieser nun offenkundiger nach, stand ewig vor dem Spiegel und bewunderte „die Inkarnation des Weibes in sich“. Sein Körper hatte ziemlich Fett angesetzt oder, wie er es nannte, die „Weiberfleischwerdung“ war bei ihm vollendet; das Spiegelbild seines „Speckhalses“, seiner „Wurschtarme“ war für ihn berauschend; er küsste es.

Eines Tages begann er Zeitungsausschnitte über „Männer in Frauenkleidern“ zu sammeln. Da ihm die Spärlichkeit derartiger Notizen aber nicht genügte, spielte er seinen eigenen Redakteur. Er verfasste Lokal-Feuilletons wie folgendes: „Narcissus redivivus! Ein heiteres Intermezzo gab es gestern Nachmittag in der Friedrichstadt. Promenierte da zwischen dem Eisenbahnviadukt und der Strasse Unter den Linden eine bildschöne junge Dame in geradezu reizender Toilette usw.“ Die Dame wird auf Veranlassung einiger eifersüchtiger Prostituierten nach der Polizei gebracht und entpuppt sich hier als „bildschöner Jüngling“, der unter Tränen versichert, von Kindheit an den unwiderstehlichen Drang zu Frauenkleidern gehabt zu haben. Nachdem er sich als der höhere Beamte Herr G. legitimiert hat, wird er mit der freundlichen Ermahnung entlassen, solche Scherze in Zukunft zu vermeiden.“

Derartige Dokumente einer geistigen Masturbation genoss er dann in tagelang wiederholter Lektüre. Seine Verschlossenheit und Sonderlingsmanieren nahmen hierbei begreiflicherweise zu. Die Kollegen narrten ihn oder er glaubte von ihnen genarrt zu werden. Man stichelte ihn, weil man merkte, dass er nicht mit Weibern verkehrte. Die Folge war bei ihm eine verstärkte Phantasiearbeit in der Einsamkeit. Schliesslich verlor er bei seinen erotischen Schriftübungeri ganz und gar den Massstab und Konnex der Aussenwelt. Er übergab dem Briefkasten unfrankierte und nicht oder phantastisch adressierte Briefe, die zur Aufdeckung seines Treibens, zur Entlassung und wegen des seltsamen Inhalts, dessen Motivierung er hartnäckig verschwieg, auch zur Entmündigung führten. Seine Manie begann damit, dass er eine Reihe von Zetteln ausschrieb, etwa mit folgendem Wortlaut: „Ich möchte eine Amme sein, die an ihrer blühenden, knospenden Brust ein Kindchen säugt“. Diese Zettel deponierte er vorsichtig auf Hausfluren, in den Sandkästen der Strassenreinigung usw. Dann ging er zu umfangreicheren Briefen über. Er richtete sie u. a. an bekannte Molkereien, dann aber auch ganze Serien in Kinderhandschrift als „Unglücklicher Neffe Felix“ an eine imaginäre Tante „Frau verwitw. Schulze geb. Müller geschied. Lehmann separ. Lange in YY“. Er bettelte darin um Mädchenkleider, da er doch eigentlich gar kein Junge sei etc. Es kamen aber auch sehr obszöne Briefe vor, andererseits solche, die bedenkliche Folgen haben konnten, wie z. B. der nachstehende, an dem natürlich kein wahres Wort ist, der vielmehr eine geträumte erotische Wunscherfüllung bedeutet:

(Ohne Freimarke und Adresse in den Briefkasten geworfen.) „Ich bin ein junger Mann und Beamter von Beruf. Wenn ich nachmittags aus dem Bureau ermüdet und ermattet zu Hause ankomme, zwingt mich meine Schwester unter Fusstritten, Stockschlägen, Peitschenhieben und Ohrfeigen, dass ich mich als Dame verkleide. Habe ich dann Mädchenkleider angelegt, dann muss ich mir immer die Taille öffnen und meiner Schwester die Brust geben, die dann gierig an meinen Brüsten herumtutscht, wie ein Säugling an der Mutterbrust. Auch knetet sie an meinen Brüsten mit den Händen herum, wie etwa die Magd die Kuh melkt. Sie klopft, befühlt und betastet meinen Nacken, beisst in meinen Hals und in meine fleischigen Oberarme hinein und betrachtet mich überhaupt wie ihre Milchkuh. Dieses Leben halte ich nicht länger aus. Ist niemand da, der mich befreit?“

Herr G. war zu dieser Zeit infolge von Differenzen mit einem Vorgesetzten schon ziemlich irritiert. Nach Expedierung dieser Briefe glaubte er wahrzunehmen, dass seine Kollegen absichtlich öfter Ausdrücke wie „Amme“ oder „Milchkuh“ gebrauchten, ei nahm daher an, es sei alles herausgekommen, obwohl er die Mehrzahl jener Briefe bei Spaziergängen in Wäldern zwischen den Holzstapeln versteckt hatte. Also ging er eines Tages, von Gewissensbissen getrieben, zum Chef seines Ressorts und bezichtigte sich selber. Die Folgen waren die oben erwähnten, da das Faktum als solches ohne Kenntnis des Zusammenhangs ganz unverständlich war und einen Schluss auf verminderte Zurechnungsfähigkeit nahe legen musste.

Die beharrliche Phantasiebeschäftigung mit dem Vorgang des Melkens einer vollen Brustdrüse brachte es auch mit sich, dass Herr G. seinen Ferienurlaub mit Vorliebe im Gebirge verlebte, wo er viel Gelegenheit hatte, dergleichen Manipulationen zu sehn. Zu Hause in der Grossstadt setzte er diese Beschäftigung dann insofern fort, als er systematisch alle Kuhställe zu den Melkzeiten aufsuchte, unter dem Vorgeben er bedürfe zu seiner Gesundheit des regelmässigen Trinkens kuhwarmer Milch. In Wirklichkeit war es ihm um den erotischen Genuss zu tun, die Kuhmägde bei ihrer Arbeit zu beobachten und ein Gespräch darüber zu beginnen, wie gut es eigentlich so eine Kuh habe, und dass es schön wäre, wenn man auch eine solche sein könnte etc.

Trotz seines Abscheus vor der Prostitution liess er sich doch zuweilen mit Masseusen ein. Diese erschienen ihm wegen ihres angeblich „energischen“ Charakters wie „halbe Männer“ und daher in passendem Gegensatz zu seinem „weiblichen“ Wesen; sie mussten ihn manuell behandeln und dabei vom Melken reden. Er malte sich auch aus, dass ihn eine Masseuse „schlachte“, ihm mit schnellem Griff den Leib aufschlitze und die Eingeweide herausreisse. Die Masseusen besuchte er oft in Damenkleidern. Einmal überredete ihn eine solche, im Damen-Unterkostüm dabei zu sein, während ein dritter mit ihr allerlei Figurae Veneris ausführte. Was der dritte damit für Ideen verband, ist ihm unbekannt geblieben.

Der Wunsch, ein Weib zu sein, veranlasste ihn auch zu autocohabitatorischen Gedanken und Handlungen. Er führte sich stockähnliche Instrumente inter femora et in anum ein.

Ferner brachte ihn seine ewige Unbefriedigtheit zu eigentümlichen Exhibitionsvorgängen. An heissen Sommertagen spazierte er in der Umgegend auf Waldwegen umher, statt der Weste nur mit einem Gürtel angetan. An den Hut steckte er sich Rosen, den Gehrock hängte er über den Arm, Kragen, Vorhemd und Schlips praktizierte er in die Tasche. Jetzt war das Damenhemd, das er trug, und vor allem sein „Schwanenhals“, den er zudem noch mit einem schwarzen Samtbändchen und goldenem Medaillon schmückte, in ganzer „Schönheit“ für jeden zufälligen Passanten sichtbar.

Von seinen aufgezeichneten Träumen seien einige Beispiele wiedergegeben, z. B.: „Mir träumte, es klingle. Ich öffnete. Ein hässliches altes Weib stand vor der Tür und wollte mit aller Gewalt in die Wohnung eindringen. Trotzdem ich die Tür zudrückte, stand sie doch plötzlich auf dem Korridor. Unter grösser Depression erwachte ich.“ Oder: „Ich war eine Ritterdame in einem geräumigen altdeutschen Zimmer. Ich hatte ein hellblaues Gretchen-Kostüm an und einen Knaben an der Brust, während ein kleines täppisches Mädchen zu meinen Füssen mit der Puppe spielte. Von der Holzveranda überblickte ich Wälder, Täler und Höhen. Ich legte das Kind in die Wiege und ging ans Spinnrad. Das kleine Mädchen hielt sich an meinem Kleide fest und sagte: Mutti! Da küsste ich es auf die Stirn. Eine Fanfare schmetterte, und mein sieghafter Gemahl trat ein. Seine kräftigen Männerarme umschlangen mich. “

Im weiblichen Kostüm macht Herr G. den Eindruck einer gealterten wohlbeleibten Dame der Halbwelt. Das Verzeichnis der Kleidungsstücke, die er bei dieser Vorstellung trug, ist folgendes: Hemd mit Stickerei, blaue Strümpfe, dito Strumpfbänder, blaue Zeugschuhe, hellgraues Korsett, weisses Beinkleid mi t Stickerei, weisse Unterröcke, hellblaues Kostüm mit tiefem Ausschnitt und entsprechende Zutaten an Schmucksachen, Bändern, Kämmen in der auffallenden Frisur etc. Das helle Blau ist bei diesem Herrn und anderen ähnlicher Neigung die bevorzugte Farbe.

Quellen

Magnus Hirschfeld: Die Transvestiten, 1910, Fall 7, S. 58-68